Die Permanenz des Pergaments

Eine Zeitreisegeschichte von Celina Müller

“Becken mit Wasser und Becken mit Kalk seht ihr hier vor euch. Bei Gerbern findet ihr auch noch Becken mit Gerbsäure. Bei reinen Pelzherstellern eben keinen Kalk und keine Gerbsäure. Es gibt wohl auch Pergament- und Lederhersteller, welche komplett mit organischen Mitteln wie Urin oder Bier arbeiten.[1] Mir ist schleierhaft, wie sich da die Haare gut und vollständig von der Haut lösen sollen. Denn gerade die Kalklauge ist doch dafür zuständig! Jetzt bin ich aber den zweiten Schritt vor dem Ersten gegangen. Also, die Häute kommen zuerst in Becken, in welchen sie gewässert werden, um den ersten groben Dreck loszuwerden. Das dauert meist so einen Tag und eine Nacht. Dann kommen sie in ein Becken von 2x1x1 Meter, mit bestenfalls Kalklauge. Aber ich erwähnte ja bereits, manche verwenden Bier, Urin oder andere Flüssigkeiten. Immer eben auch abhängig davon, was gerade verfügbar ist und was es werden soll. Die Haut liegt dann für 8-16 Tage bei uns in der Lösung und wird 2-3-mal täglich umgerührt.[2] In manchen Klöstern mag das anders aussehen und aufgrund der Verwendung von organischen Materialien lassen sie die Häute dann 4-6 Wochen in der Lösung liegen. Anstelle von Becken können aber auch Krüge verwendet werden. Von Holzfässern sind wir aber abgekommen, die lösen sich zu schnell auf und verunreinigen das Material. Ziel ist es, die Haarwurzeln zu lösen, um dann die Haare mit einem Halbmondeisen oder Messer einfach abschaben zu können. Wirklich gut gelingt das eben nur mit einer guten Kalklösung. Gehen wir doch mal da hinüber, dann kann ich euch zeigen, wie das aussieht. Wie kommt ihr eigentlich dazu, euch die Verarbeitung hier anzusehen? Gibt es in Montecassino keine Pergamentherstellung?“ Morten der Pergamenter, mustert die drei angeblichen Mönche Bruno, Maria und Cuno mit einem leicht misstrauischen Blick, während er sein Halbmondeisen schärft.

Cuno blinzelt in die Wintersonne, Bruno kratzt sich am Kopf. Schließlich rafft sich Maria zu einer Antwort auf: “Die Schreibmaterialfrage ist bei uns noch recht wüst. Es gibt Vorgaben den Papst betreffend, dass die Urkunden auf Papyrus verzeichnet werden müssen.[3] Es gibt sogar auch noch Papyrusanbau auf Sizilien. Sie wissen sicherlich, dass Papyrus wesentlich billiger ist. Jedoch ist es auch weit weniger widerstandsfähig als Pergament. Im Übrigen wären wir gerne als Kloster autonom in der Herstellung von Schriften. Ich denke das ist der Grund für viele Klöster, auf Pergament umzusteigen. Auch lässt sich die Buchmalerei in ihrer vollsten Schönheit nur auf Pergament erschöpfen. Pergamentschriften sind wertiger. Sie können besser mit ihnen reisen, sie durch mehr Hände gehen lassen, und sie können korrigiert werden. Wir haben also gute Gründe, bei religiösen Schriften vollständig auf Pergament umzusteigen. Unsere derzeitige Arbeitsweise erlaubt es uns jedoch leider nur, auf einer Seite zu schreiben. Deshalb würden wir gerne die „nördliche“ Arbeitsweise kennenlernen. Da Sie für Echternach produzieren gehören Sie wohl zu den besten.“[4],[5]

“Das schmeichelt mir. Wir achten hier tatsächlich ausgesprochen auf die Qualität im Gegensatz zu anderen Pergamentherstellern. Sie haben bestimmt schon die löchrigen und ungleich-dicken und unsauber genähten Exemplare gesehen. Sprechen wir über das Material. Die Häute, die sich zur Bearbeitung eignen, sind die von Ziegen, Scharfen, Rindern, beziehungsweise eigentlich doch eher immer die Jungtiere davon. Sie werden es gleich beim Abschaben und besonders nach der Trocknung sehen. Wer wirklich ein feinporiges, weißes und gleichmäßiges Pergament haben will, arbeitet mit der Haut von Zicklein, Lämmern und Kälbern. Lassen Sie sich aber bitte im Skriptorium Weiteres erklären. Ehrlich gesagt, ist in meinem Arbeitsprozess der Unterschied nicht so groß wie der im Skriptorium. Die können Ihnen noch etwas zu Fälschungssicherheit, Ausbesserungsarbeit und so weiter erzählen, das ist nämlich abhängig von der Haut. Wir haben jetzt die Haut gewässert, so dass Schmutz und andere organischen Reste gelöst worden sind. Dann haben wir die Haut in Kalklauge eingelegt und sie regelmäßig umgerührt. Wir nehmen die Haut aus der Kalklauge, legen sie hier auf diesen halb angekippten Bock und ziehen quasi mit dem Halbmondeisen oder eben Messer die Haare ab. Nun sehen Sie auch, wie das Tier gehalten wurde. Hat es Narben? Hat es Bisse? Deshalb muss jedes Kloster auf seine Tiere aufpassen, wenn angedacht ist, die Haut anschließend als Pergament zu verarbeiten.[6] Also die Haare sind gelöst, jetzt sollten wir es erneut wässern, um den Kalk zu entfernen. Damit gehen wir jetzt in den Verarbeitungsraum. Er ist gleich da drüben. Wir spannen die Haut in diesen hölzernen Rahmen mit Seilen oder Metallklammern. Dann kommt das Mondeisen zum Einsatz. Es wird auch Lunarium oder Lunellum genannt. Ich erzählte ja bereits von den ungleichmäßig dicken und genähten Pergamenten, richtig? Die Fehler passieren hier. Die Fleischseite wird jetzt durch kleine schnelle Hämmer-Bewegungen bearbeitet. Das ganze Fett muss gelöst werden, sonst verläuft später die Tinte. Die Haut muss für diesen Prozess auch unbedingt noch feucht sein. Also nicht aufspannen und erst in einer Woche wiederkommen. Das ist organisches Material, dass sollte man niemals liegen lassen. Es macht komische Dinge zu jedem Zeitpunkt. Deshalb, sobald eine Haut da ist, am besten sofort bearbeiten. Also: Wässern, Lauge, Abschaben von Fell, Wässern, Aufziehen, Abschaben von Fett. Danach kommt es zum Trocknen an einen trockenen Ort. Der Ort darf warm aber niemals feucht sein, die ganze Haut quillt euch sonst sofort auf. Auch auf gar keinen Fall in der Nähe von Feuer lagern. Pergament schrumpft schon ab 60 Grad. Der Trocknungsprozess ist im Wesentlichen abhängig von der Jahreszeit. Im Sommer ist die Haut schon am selben Tag trocken, kann dann ausgeschnitten und als Pergament ans Skriptorium geliefert werden. Wollen Sie farbiges Pergament, können Sie beim zweiten Wässern die entsprechende Farbe hinzufügen. Die Haut sollte dann aber auch noch mindestens einen Tag in der Farbe einweichen, darin umgerührt werden und dann noch ausgespült werden.“

“Das ist ja ganz schön aufwendig. Ich habe noch ein paar Fragen, ist das okay Morten?“

“Bitte, bitte dafür bin ich hier. Aber ich kann leider so gut wie keine Fragen zum Skriptorium beantworten. Ich habe keine Ahnung, was die da eigentlich machen. Auch bin ich nur für Pergament zu ständig. Nicht für Leder und auch nicht für Pelz, das macht Georg. Er ist gleich nebenan.“[7]

“Vielen Dank für den Hinweis. Vielleicht schauen wir da auch noch vorbei. Aber bleiben wir erstmal beim Pergament. Sie sagten, die Verwendung von Jungtieren sei wesentlich für eine gute Qualität des Pergaments. Mir ist zu Ohren gekommen, dass dafür teilweise ungeborene Tiere verwendet werden. Ist das korrekt?“

“Nun ja, schon, aber nicht so wie es vielleicht zunächst klingt. Also, es werden dafür Totgeburten verwendet. Für Pergament Mutter- und Jungtier zu opfern, wäre Verschwendung, ich bin mir sicher, dass das kein Kloster macht und es bloßer Mythos ist. Fehlgeburten haben wir bei Ziegen recht häufig, und die eigenen sich dann auch für nicht viel. Ansonsten werden Jungtiere auch manchmal verstoßen, weil sie krank sind oder aus Gott weiß was für Gründen.“

“Sie haben jetzt nur drei Tiere genannt. Eignen sich keine anderen? Wie Ratten, Katzen, Eichhörnchen, Kaninchen, Schweine, Wild?“

“Sie haben ja eben gesehen, wieviel Arbeit es ist. Für so kleine Tiere lohnt sich der Aufwand nicht. Schweinehaut ist zu grobporig, eignet sich vielleicht für den Buchdeckel, aber benutzen wir hier auch nicht. Wild und Pferde sind auch komplett ungeeignet, da die Haarwirbel und die Haut nicht gleichmäßig sind. Bei Pferden ist die Rumpfhaut zu dick, die Bauchhaut zu dünn. Es gleicht ja eh schon keine Haut der anderen, und wenn sich die Haut selber schon nicht gleicht, wird daraus auch kein gutes Buch. Das wäre wiederum Verschwendung von Zeit und Material. Ansonsten ist vielleicht ganz interessant, dass bei manchen Schriften, die der Juden zum Beispiel, am Ende des ganzen Prozesses ein ganz wenig Gerbsäure als Grundierung aufgetragen wird. Hierfür werden Tannine verwendet. Ich kann Ihnen nichts Genaues drüber sagen, wenn Sie es herausgefunden haben, sagen Sie gerne etwas dazu, denn es macht die Schrift um einiges haltbarer und sicherer vor Feuer und Feuchte. Ebenso handhabbarer, da das Material weicher wird. Sollte es aber zu viel Gerbsäure sein, haben Sie Leder, oder noch schlimmer, irgendwas dazwischen, was sich nicht beschreiben lässt. Wenn Sie was wissen, ich wäre sehr interessiert. Aber ich denke, es zeigt ganz gut: Pergamentherstellung ist aufwendig und empfindlich, deshalb haben wir schon länger den Prozess und Arbeitsbereich von dem der Gerber getrennt. Der Gerber Georg und ich besprechen aber immer die Häute und teilen sie nach Eignung unter uns auf.“

“Woher bekommt Ihr denn eure Häute?“

“Viel Eigenzucht. Die Tiere werden hier gezüchtet, geschlachtet und eben auch wirklich alles davon verwendet: Fleisch, Knochen, Knochenmark, Talk, Haare, Fett und eben die Haut. Das wäre auch meine Empfehlung an Euch. Ihr könnt dann aufpassen, dass die Tiere keine Narben bekommen. Aber manchmal bekommen wir auch Häute von anderen Klöstern, Händlern und Bauern. Seltener als Geschenke. Es gibt noch einige Häute, die auf mich warten, und die zwei neuen Laienbrüder muss ich noch etwas im Auge behalten. Bitte entschuldigt mich und grüßt Georg, solltet Ihr euch auch noch für Lederherstellung interessieren.“

“Ich hatte immer irgendetwas von Spaltung der Haut im Kopf, davon habe ich jetzt aber nichts gesehen oder gehört. Wisst Ihr etwas dazu?“

Bruno nickt. “Tatsächlich weiß ich etwas darüber. Die Haut wird entweder aufgespalten, wenn sie zu dick ist in der Lederverarbeitung oder aber auch, wenn man aus funktional oder ästhetischen Gründen nur die Lederhaut haben will. Zum Beispiel um feine Riemen herzustellen. Bei Häuten zur Beschreibung von heiligen Texten im Judentum wird auch teilweise die Haut aufgespalten. Für das Schreibmaterial heiliger Texte gibt es hier drei wesentliche Bestimmungen: “duchsustus“ ist aus der Dermis-Haut, also die untere nicht sichtbare Haut. Auf ihr wird vor allem Mezzuzot geschrieben. Alle anderen Pergamente wären aber auch halachisch erlaubt. “Klaf“ ist aus der Epidermis, der sichtbaren Haut, aus dem Material werden bevorzugt Tefillin hergestellt. Zuletzt “gevil“, die unaufgespaltene Haut, sie wird für die Abschrift der Heilligen Schriften bevorzugt. Die Qumran-Schriften wurden zum Beispiel auf gevil geschrieben. Maimonides war sich sicher, dass Moses am Berg Sinai das Gesetz auf gevil oder klaf geschrieben haben muss, damit es gültig ist.[8] Die Arbeitstechnik ist allerdings auch im 21. Jahrhundert ein ungelöstes Rätsel. Fragt mich dazu also nichts. Ich müsste euch mit einer mystischen Geschichte antworten. Kurz gesagt, die Spaltung der Haut ist relevant für Leder oder ganz bestimmte Pergamentzwecke. Es ist aber hoch kompliziert, so fein zu arbeiten und ein hohes Risiko. Verschneidet man sich, ist die ganze Haut oder Teile davon nicht mehr verwendbar.“

“Maria, hättest du irgendwelche historisch überlieferten Texte zur Pergamentherstellung?“

“Ja, die habe ich tatsächlich. Vielleicht sollte man anmerken, dass selten die das Pergament hergestellt haben, aufgeschrieben haben, wie man Pergament herstellt. Morten zum Beispiel, und die meisten anderen, die wir hier im Handwerksbereich des Klosters treffen, sind Laienbrüder. Für gewöhnlich können die nicht schreiben oder lesen. Will sagen, dass Aufgeschriebene ist aus zweiter Hand. Was einiges erklärt. Ihr werdet sehen. Fangen wir doch mit dem ältesten uns überlieferten Dokument an. Genannt Lucca-Handschrift und mit vollem Titel: «Compositiones ad tingenda musiva» aus der Capitularbibliothek Lucca (Cod. 490). Hier heißt es:

Pergamina quomodo fieri debet: Mitte illam in calcem et iaceat ibi per dies III; et tende illam in cantiro et rade illam cum nobacula de ambas partes et laxas desiccare…[übersetzt]…«Wie Pergament hergestellt werden soll: Lege (die Haut) in Kalk(wasser); da soll sie drei Tage liegenbleiben; dann spanne sie in den Reifen, schabe sie mit einem scharfen Messer und lasse sie trocknen…[9]

Recht knapp was? Also, ich wäre damit etwas ratlos. So eine Tradition wie Pergamentherstellung wird eben in der Regel von Vater an Sohn übergeben. Ich hätte noch einen, allerdings erst aus dem 13. Jahrhundert. Die Beschreibung stammt aus dem Bestiarium des Zürcher Kantors Konrad von Mure:

Über die Haut, wie aus ihr «Papier» gemacht wird. Pergament für Bücher wird aus Rindshaut gemacht. Das abgezogene Kalbsfell wird in Wasser gelegt, Kalk wird beigemengt, damit er alles Rohe abbeize, die Haut säubere und die Haare ablöse. Ein Kreis(ring) wird zurechtgemacht, und jene darin aufgespannt. Man stellt sie an die Sonne, damit die Feuchtigkeit herausgeht. Das Messer kommt und entfernt Fleisch und Haare, es macht die Haut dünn und frei. Dann wird sie für die Bücher zurechtgemacht, zuerst zu Bögen rechteckig zugeschnitten, die Bögen werden gleichförmig zusammengefügt. Dann kommt der Bimsstein, der jegliches Überflüssige entfernt; Kreide wird drübergestreut, damit das Werk nicht auslaufe. Die Punkturen werden gestochen, welchen die Bleistiftlinierung folgt, nach deren Marke die Zeile verläuft.[10]

Auf die Beschreibung folgt eine Auslegung der Arbeitsschritte im Sinne eines religiösen Ritus. Zum Beispiel steht das Entfleischen der Haut für Enthaltung von fleischlichem Verlangen. Das Waschwasser wird mit Weihwasser verglichen. Der Spannrahmen symbolisiert das Kreuz Christi. Die Sonne die Gerechtigkeit. Das Schabemesser die Vernunft. Das Pergament ist umso willkommener, je jünger das Rind ist, soll ausdrücken: “Schon als Jüngling sollst du das Joch Gottes tragen lernen!“[11] Also, ich weiß nicht, ob der Schreiber jemals ein Pergament hergestellt hat. Hier wird zum Beispiel auch beschrieben: “erst trockenen und dann scharben“. Morten würde verrückt werden, wenn er das hören würde. Was die Nachbearbeitung anbelangt, so bin ich gespannt, was das Skriptorium dazu sagt.“

“Meint ihr, wir könnten uns hier auch die Tiere ansehen? Ich habe nicht wirklich eine Vorstellung von der Haltung. Es soll ja in den europäischen Klöstern die Grundlage zur Massentierhaltung gelegt worden sein, das würde ich gerne überprüfen.“

“Haben wir denn einen guten Grund? Ich glaube, es ist etwas ungewöhnlich für durchreisende Brüder zu fragen, ob man sich den Stall schauen könne.“

“Wir könnten die Laienbrüder zu allerlei wichtigen Dingen zu den Häuten ausfragen. Besonders zur Größe der Häute. Dann fragen wir im Skriptorium viele Häute sie für die Bücher so ungefähr brauchen.“

“Das klingt sinnvoll. Aber bevor wir ins Skriptorium gehen, würde ich euch noch gerne einige kunsthistorische Überlieferungen zeigen.

[Abb. 1[12][18. Jahrhundert], Abb. 2[13] [1426], Abb. 3[14] [mitte des 12. Jahrhunderts], Abb. 4[15][mitte 14. Jahrhundert]. Solltet ihr dann noch nicht genug haben: Es gibt eine Zusammenstellung der wichtigsten Bildquellen aus dem 10. bis 18. Jahrhundert von: Janzen, Stefan. “Pergament“. In: Pergament. Geschichte, Struktur, Restaurierung, Herstellung. (Historische Hilfswissenschaften Bd. 2), hg. Peter Rück. Sigmaringen: Jan Thorbecke Verlag, 1991, 301-414.]

Also, auf dem ersten Bild sehen wir einen geschlossenen Raum mit 6 Leuten, welche alle mit der Pergamentherstellung beschäftigt sind. Dann sehen wir einen Mann mit Halbmondeisen, auch etwas ungewöhnlich. Die Haut ist ja enthaart, nun würde sie eigentlich mit dem Mondeisen bearbeitet werden.

Wirklich aufschlussreich finde ich das Bild, welches wie ein Kirchenfenster aussieht und den Ablauf der Herstellung einer Pergamentschrift erzählt. Es beginnt mit zweimal Abschaben, darauf folgt ein Blick in die Wachstafel, die Schärfung der Schreibutensilien, die Zusammenfassung von Pergamenten in Hefte, welche dann beschrieben und zusammengebunden werden. Ich glaube im vorletzten Bild wird der Buchdeckel festgehämmert. Das letzte Bild der Reihe, das unten in der Mitte ist, zeigt: Bücher sind für die Lehre gemacht. Das letzte Bild, welches ich euch zeigen will, ist das mit den zwei Männern in der Werkstatt. Es zeigt allerdings keine Pergamentherstellung, sondern eine Schreibwerkstatt. Hier werden wiederverwendbare Schriften, Buchdeckel usw. aufgehoben. Interessant, oder? Man denkt immer so sehr an den Prozess der Herstellung und vergisst darüber völlig, was mit Dingen gemacht wird, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.“

“Das würde ich so nicht sagen. Im Judentum werden alle Schriften aufgehoben, in denen der Namen Gottes steht. Sie werden dann in einer Genizah aufgehoben oder eben beerdigt. Du hattest aber eben von nicht mehr verwendbaren Schriften gesprochen, welche zur Wiederverwendung eingelagert und neu beschrieben werden. Die nennen wir Palimpseste, oder?“

“Ja genau. Apropos Palimpsest, das einzige Exemplar von Cicero “de re publica“ ist als Palimpsest unter einem hundertfach überlieferten Augustinus Text gefunden worden.[16] Lasst uns aber langsam ins Skriptorium gehen, da können wir auch nachfragen, wie man einen Text über einen Text schreiben kann.“

Ubertin der Skriptor war gerade damit beschäftigt, die Schreibutensilien zu überprüfen, als die drei Mönche ins Skriptorium eintraten.

“Salve Brüder. Vielen Dank nochmals von mir für die Farbe und die Malfedern, welche wir bei Eurem letzten Besuch bekommen haben. Was kann ich für Euch tun?“

“Salve Ubertin. Nicht der Rede wert! Heute kommen wir mit Fragen über den Schreibprozess mit Pergament zu Euch. Wir würden gerne mehr auf Papyrus verzichten und die “nördliche“ Pergamentarbeitsweise lernen. Wir kommen bereits von Morten, dem Pergamenter, der uns die Pergamentherstellung gezeigt hat. Jetzt würden wir gerne wissen, wie Ihr damit weiterarbeitet.“

“Gerne, gerne. Nachdem das Pergament hier ankommt, wird es mit einem Bimsstein bearbeitet. Wir verwenden unterschiedliche Materialien zur besseren Beschreibbarkeit wie kalziumhaltige Pasten, Mehl, Eiweiß, Milch, Pflanzenasche, Kalk, Kreide auch, um die Weißheit der Oberfläche zu erhöhen und Flecken zu entfernen oder das Pergament auch einfach zu versiegeln.[17] Dann wird das Pergament je nach Zweck zugeschnitten. Zum Schreiben von schwarzer Tinte benutzen wir meist Eisengallustinte. Diese besteht aus: Eisenvitriol, Galläpfel, Wasser und Obstbaumgummi. Dafür werden Galläpfel getrocknet, gemahlen, zerkocht, dann Eisenvitriol und Pflanzengummi hinzugefügt. Das Pigment entsteht dann erst nach dem Schreiben, denn das chemisch zweiwertige Eisen des Vitriols verbindet sich an der Luft mit der Gallussäure zu einem tiefschwarzen Pigment. Da dieser Prozess etwa einen Tag dauerte, setzte man als Stilmittel einen später verblassenden Farbstoff hinzu.[18] Aber wir arbeiten hier auch sehr viel mit Farbe wie ihr seht. Bis auf Rot- und Brauntöne lassen wir uns allerdings die Farbpasten zum Anrühren hauptsächlich importieren. Also ihr wisst jetzt, wie man Pergament bearbeitet und Tinte herstellt … was könnte ich Euch noch erzählen? Ah, ja genau, Palimpseste verwenden wir hier nicht zur Buchmalerei, was wir hier hauptsächlich machen. Aber wir schreiben hier in Echternach natürlich auch. Wenn wir hier im Skriptorium neue Bücher schreiben wollen und gerade kein frisches Pergament haben, dann kratzt man mit einem Messer oder mit einem Bimsstein die Buchstaben einfach von einem Pergament ab, auf das man verzichten kann. Hat man ein gutes Pergament und wurde gute Tinte benutzt, dann ist es kaum zu erkennen, dass dort jemals etwas anderes stand. Das geht aber eigentlich auch nur mit Pergament aus Kalbs- oder Rindhaut. Ziege, Schaf und ihre Jungtierhäute sind nicht zur Wiederverwendbarkeit geeignet, sie rauen beim Abkratzen komplett auf. Deshalb benutzen wir sie auch für Urkunden. Buchdeckel sammeln wir hier auch, um sie erneut zu verwenden. Ich kann euch auch noch die Spezialfälle erklären, wie man an der Tinte sieht, was mit dem Pergament falsch gelaufen ist, würde Euch das interessieren?“

“In knapper Ausführung auf jeden Fall. Wir wollen noch zu den Ställen, da wir erfahren möchten, wie viel Tiere man für die Schriften einplanen muss. Das ist wesentlich für die Entscheidung in unserer Abtei.“

“Klar. Dazu kann ich ja auch gleich ein paar Vergleichswerte geben, die ich so im Kopf habe. Also, ihr braucht hochwertige Tinte und hochwertiges Schreibmaterial, das ist ganz wesentlich. Was das Pergament betrifft, beobachtet ihr Verlaufen oder Fließen. Hilft Kreide oder Mehlen nicht, dann müsst ihr die Epidermis noch mehr mit einem Bimsstein abschleifen. Achtet dafür auf die Unterschiede zwischen Fleisch- und Fellseite. In dem Fall war die Haut zu fettig. Es gibt aber gerade bei Kalbshaut den gegensätzlichen Effekt, dass die Haut zu stark aufgeraut ist und ihr Fett fehlt. In dem Fall hilft nur das Nachfetten. Hilft das nicht, dann muss sie erst wieder befeuchtet und dann gefettet werden. Sollte euch die Tinte zwischen den Konturen der Buchstaben aufplatzen, wisst ihr, dass das Pergament zu fettig und rau ist. Dafür braucht ihr dann eine weniger nachgiebige Feder. Bedeutet: kürzerer Spalt und breiterer Schnabel, oder ihr versetzt die Tinte mit Ochsengalle. Kalb könnt ihr beidseitig schleifen. Zicklein nur auf der Haarseite und beim Lamm lasst es einfach. So weit, so grob. Deshalb achtet einfach auf eine gute Produktionsweise der Pergamente. Echte Meister darin sind die aus Troyes. Im Durchschnitt kann man sagen: Eine, maximal zwei Doppelseiten ist ungefähr eine Haut. Formate variieren natürlich stark, auf eine Kalbshaut passt mehr als auf eine Lammhaut. Aber zu den Vergleichswerten von notwendigen Pergamenten für Handschriften: Aus dem 4. Jahrhundert gibt es den “Codex Sinaiticus“ von 326 Doppelseiten, welcher dafür über 700 Ziegen benötigte. Das Evangeliar von Heinrich dem Löwen umfasst 266 Blätter, dafür mussten rund 60 Kälber ihr Leben lassen.[19] Große Bibeln im Format von 50×38 cm mit ca. 400 Blättern, benötigen 600 Häute.[20]

Wollt ihr noch etwas über Kalligrafie oder Buchmalerei erfahren, muss ich Euch an die jeweiligen Brüder verweisen.“

“Vielleicht ein anderes Mal. Wir würden gerne in den Stall gehen, wenn das möglich ist.“

“Wenn ihr meint.“

Unterwegs zu den Ställen treffen die drei Mönche Georg, den Gerber.

“Salve Georg. Wir grüßen Sie herzlich von Morten. Wir haben ihm heute Morgen beim Pergamentherstellen zuschauen dürfen. Sagen Sie, was ist denn der wesentliche Unterschied zur Herstellung von Leder, weshalb arbeitet ihr nicht zusammen in einem Raum? Viele Utensilien nehme ich an benötigt ihr beide gemeinsam, oder?“

“Hallo zusammen. Ich habe ihn bereits getroffen, er erzählte schon, dass wir hohen Besuch aus Montecassino haben. Eure Fragen will ich euch gerne beantworten, geht ihr währenddessen mit mir zu den Ställen? Es gibt einen speziellen Auftrag und dafür möchte ich mir schon einmal ein Tier aussuchen.“

“Großartig! Liebend gern.“

“Wir haben die Prozesse getrennt, weil wir wirklich weißes Pergament wollen. Kommen da die Tannine vom Gerben hinzu, ist es nicht das, was gerade gefragt ist. Lange wurde natürlich auch auf Leder geschrieben. Aber klar, bis auf das extra Becken mit Tanninen ist der Prozess relativ ähnlich. Nur die Lösung muss ich auch erst einmal aus Blättern, Rinden, Hölzern und Früchten herstellen. Ich stelle auch Lederwaren mit Fell her und kratze sie gar nicht ab. Ich arbeite auch mit Schweinehäute und spalte Häute. Heißt, ich habe auch einfach etwas mehr Platzbedarf. [21] So, derzeit haben wir hier 20 Kühe. Wir müssen keine Tiere mehr vor dem Winter schlachten, weil wir Land für die Heugewinnung geschenkt bekommen haben. Wir schlachten Tiere nur, wenn wir einen Auftrag für ein Buch bekommen.“[22] Die drei Mönche und der Laienmönch Gregor schauen sich noch eine Weile in den Stellen um. Es ist spät geworden und die drei verabschieden sich von Gregor dem Gerber.

“Wollt ihr noch wissen, wie das Pergament zu seinem Namen gekommen ist? Plinus erzählt: Einst befanden sich Ägypten und Griechenland im Wettlauf um die größte Bibliothek der Welt. Die Bibliothek in Pergamon wuchs schneller als die in Alexandria, weshalb Ptolemäus Epiphanes, der Herrscher von Alexandria, einen Einführungsstopp von Papyrus nach Griechenland verhängte. Daraufhin ordnet Eumenes von Pergamon an, Häute für die Herstellung von Schriften zu benutzen. Der Beschreibstoff hieß von da an: Pergament. Pergament selber ist aber um einiges älter.[23]

Letzter Aufruf aller Webseiten am 21.04.2021


[1] https://scribes.lochac.sca.org/articles/parchment.htm

[2] http://pergament-donath.de/de/geschichte-der-pergamentherstellung.html

[3] https://www.papsturkunden.de/EditMOM/papal-charters.do#:~:text=Pergament%20als%20Beschreibstoff%20wurde%20erst,Papstes%20ausschlie%C3%9Flich%20auf%20Pergament%20festgehalten.

[4] https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/24130/1/%5B9783110371291%20-%20Materiale%20Textkulturen%5D%20Pergament.pdf

[5] http://dawnepismo.ank.gov.pl/de/die-schreibschrift-fruher/die-kunst-des-schreibens

[6] http://pergament-donath.de/de/geschichte-der-pergamentherstellung.html

[7]https://www.google.de/books/edition/Pal%C3%A4ographie_und_Handschriftenkunde_f%C3%BC/x3rnBQAAQBAJ?hl=de&gbpv=1&dq=wo+wurde+pergament+hergestellt&pg=PA108&printsec=frontcover

[8] https://www.sefaria.org/sheets/141477?lang=bi

[9] http://www.xn--schffel-7wa.ch/download/pdf/pergament.pdf

[10] ebd.

[11] ebd.

[12] https://www.kalligraphie.com/415-0-Pergament.html

[13] Von Anonym – Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, Band 1. Nürnberg 1426–1549. Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317.2°, via http://www.nuernberger-hausbuecher.de/, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13131505

[14] http://digital.bib-bvb.de/view/bvbmets/viewer.0.6.4.jsp?folder_id=0&dvs=1618926258517~506&pid=7877598&locale=de&usePid1=true&usePid2=true

[15] http://www.xn--schffel-7wa.ch/download/pdf/pergament.pdf

[16] https://www.adfontes.uzh.ch/tutorium/handschriften-beschreiben/charakterisierung-des-beschreibstoffes/pergament-herstellung

[17] http://pergament-donath.de/de/geschichte-der-pergamentherstellung.html

[18] ebd.

[19] http://www.brandenburg1260.de/wiederkaeuer.html

[20]https://books.google.de/books?id=a6a_bZH7eekC&pg=PA32&lpg=PA32&dq=echternach+pergamentherstellung&source=bl&ots=pqmgJJb1D5&sig=ACfU3U2cqd-G1NfNYg9Ill5G2ExRdV-sQA&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwiYl-PzpYrwAhVJsaQKHWEnBpgQ6AEwA3oECBAQAw#v=onepage&q=echternach%20pergamentherstellung&f=false

[21] https://www.chemie-schule.de/KnowHow/Gerberei

[22] https://www.mdpi.com/1424-2818/6/4/705/htm

[23] http://pergament-donath.de/de/geschichte-der-pergamentherstellung.html