Timetraveling

Klöster des 11. Jahrhunderts, zwischen Deutschland und Frankreich.

Eine Zeitreisegeschichte von Celina Müller

Angenommen wir sind eine ausgesprochen mobile Reisegruppe. Bedeutet, wir sind bereit zwischen Deutschland und Frankreich viel zu Fuß unterwegs zu sein und unser Interesse gilt weniger der Viehzucht oder dem Beginn des Rittertums als mehr dem Leben, Arbeiten und Lernen im Kloster. Wir werden in Mainz beginnen, danach besuchen wir Sankt Mauritius Tholey, Abtei Echternach, Metz, Cluny, Fleury, stärken uns nochmal ordentlich in Cluny und nehmen eine längere Reise auf uns zum Kloster Marmoutier und zum Kloster Schuttern. Eine Route, welche um die 1200 km umfasst.

Eine solche Reise stellt uns vor einige Fragen: Welche Straßen werden wir benutzen? Gibt es die Chance sich anders fortzubewegen als zu Fuß? Wie bezahlen wir und was und wo müssen wir bezahlen? Als was müssen wir uns voraussichtlich ausgeben? Als Zeitreisende bestenfalls nicht. Können wir zugeben eine Gruppe von jüdisch Gläubigen und nicht Gläubigen zu sein? Wenn ja, wo und unter welchen Umständen? Wer sind die großen Namen der Zeit und welche müssen wir kennen, um nicht wie Fremdlinge zu wirken? Wie werden die Städte aussehen, wie erreichbar sind die Klöster, die wir sehen wollen? Wie ist das Leben im Kloster und wie ist es dort Gast zu sein? Nun sind wir eine Reisegruppe, welche besonders an der Bibliothek interessiert ist: Wir wollen wissen, was wir lesen können, wer in der Bibliothek arbeitet, wie die Atmosphäre ist, wie es um die Hierarchie und Beschränkung steht und zu welchen Uhrzeiten wir sie besuchen können. Leider gehören wir nicht zu der Expertengruppe des 11. Jahrhunderts und kennen leider nicht alle historischen Details aber wir wissen noch, dass aus unserer Perspektive der Investiturstreit und der Gang nach Canossa entscheidende Ereignisse des 11. Jahrhunderts in Westeuropa waren. Wie waren die einzelnen Klöster involviert und erzählen sie uns wie sie diese Ereignisse empfunden haben? Auf welche Gruppen werden wir treffen?

Wir stehen vor dem Willigus-Bardo- Bau in Mainz. Ein imposantes Gebäude orientiert am Petersdom, welches nach Willen des Erzbischof Williges ein “zweites Rom“ darstellen soll.“[1] Schade, dass es bald schon wieder abbrennen wird.“ sage ich zu den beiden anderen, welche noch gebannt die Fassade absuchen. “Nun, wir sollten ein bisschen was klären bevor wir weiter gehen. Ich habe recherchiert und beschlossen, es ist zu unsicher mit unseren Konfessionen offen umzugehen. Bedeutet ich habe mir Identitäten für uns überlegt: Wir sind Benediktiner aus dem Kloster Montecassino. Du heißt Maria, du Bruno und ich trage den Namen Cuno. Unser verstorbener Abt Aligernus, Schüler von Odos von Cluny hegte immer den Willen die Abtei der cluniazensischen Reform anzuschließen. Nun gibt es einige Meinungen im Kloster, wir sollten dieses Unternehmen erneut angehen. Unsere Schwierigkeiten bisher müssen im Abgleich mit anderen Abtein und Klöstern verstanden werden. Das sollte uns Eintritt verschaffen bei denen die sich bereits der cluniazensischen Reform angeschlossen haben und die es wollen. Wir gehören zwar gesamtgesellschaftlich als Mönche auch zu einer gewissen Minderheit, aber immerhin zur einer der Herrschenden nahestehenden Gruppen. Vor Übergriffen sollten wir als Geistliche überhaupt sicher sein.“

“Montecassino?! Geht es noch auffälliger? Wir können doch nicht behaupten aus dem Kloster des Heiligen Benedikts von Nursia zu kommen. Das ist doch super auffällig!“ antwortet Bruno entsetzt.

“Gut. Gut. Desto offensichtlicher desto besser und als Benediktiner sind wir als Brüder allgemein in den anderen Benediktinerklöstern willkommen.“ wendet Maria ein.

“Außerdem müssen wir auch wichtig genug sein, um wirklich von allen als Gäste aufgenommen zu werden. Unterdessen habe ich etwas Tauschware mitgenommen: ein paar Schreibwerkzeuge aus den Federn eines Raben. Damit lässt sich hervorragend fein schreiben und malen. Farbe aus der Pflanze “Croton tinctorium“. Aber auch etwas ungemünztes Edelmetall. Die Münzbenützung habe ich bisher noch nicht ganz durchblickt. Dass wir keine Italiener sind sollte auch nicht auffallen, da wir ja Latein überall reden werden.“

Als Erstes wollen wir die Abtei Altmünster in Mainz besuchen, auch Hohen Münster oder Hagenmünster genannt. Es ist ein Frauenkloster. Hier dürfen die Töchter des Adels und des niederen Adels leben, lesen, arbeiten und studieren. Mönch Vinzenz begrüßt uns: so wichtige Gäste aus Montecassino müsse er selbst empfangen und keine Nonne könne ihm die Ehre nehmen. Schade eigentlich. “Unser Kloster gründete sich 734 unter der heiligen Bilhildis…“[2]

Maria flüstert zu Bruno “Gibt es eine historische Gründungsurkunde?“ “Tatsächlich ja, nur die ist ausschließlich als Fälschung vorhanden…aus dem 12. Jahrhundert…allgemein scheint sich gerade erst…“[3]

“Wie sie wissen haben Frauen keine sakramental-kirchlichen Aufgaben. Doch haben sie etliche andere Aufgaben und insgesamt gibt es sieben leitende Rollen. Äbtissin, Vorsängerin, Messnerin, Krankenschwester, Kleiderbewahrerin, Verwalterin, Pförtnerin. Jede Position würde für drei Frauen reichen. Sehen Sie zum Beispiel die Vorsängerin. Die Vorsängerin ist zuständig für Chor und Bücherei, Ausgestaltung der Gottesdienste, Musikunterricht, Bücherverleih, Bücherbemalung.[4] Unwahrscheinlich gerne würde ich Ihnen noch die Bibliothek zeigen. Nur befindet sich dort alles in Umsortierung. Sollten Sie dafür hier sein, muss ich Sie leider enttäuschen, kommen Sie aber gerne ein anderes Mal wieder.“

Eine Benediktinerin geht ruhigen Schrittes Vinzenz entgegen “Verzeihen Sie, Erzbischof Aribo ist so eben eingetreten und bittet um Ihre Audienz, es betrifft erneut das Problem um den Hildesheimer Bischof.“ [Später entwickelt sich daraus der “Gandesheimerstreit“]

Vinzenz schaut zerknirscht wendet sich der Nonne ab und verabschiedet sich mit ruhiger Miene “Frater Maria, Frater Bruno, Frater Cuno… es ist mir eine Ehre Sie als Gäste zu empfangen, sollten Sie noch Fragen haben zögern Sie nicht. Wie Sie gehört haben muss ich nur leider jetzt meinen Angelegenheiten nachgehen. In wenigen Minuten sollte auch der Gottesdienst stattfinden. “

“Ärgerlich, dass wir die Bibliothek nicht haben sehen können. Cuno, wusstest du das?“

“Ich habe so etwas schon geahnt, da sich bis zum 12. Jahrhundert keine Handschriften finden lassen, aber das heißt ja bekanntlich nichts. Jetzt wo wir aber ein paar Minuten haben möchte ich euch vorlesen wie wir weiter reisen…dafür habe ich mir notiert:

Von Mainz über Bingen nach Tholey. Von Tholey den Keltenweg zurück nach Trier. Die Römerstraße von Trier nach Echternach. Von Echternach die Römertsraße nach Metz über Luxemburg. Von Metz nehmen wir den Jakobsweg “Trier- Le Puy“ bis nach Cluny. Von Cluny reisen wir nach Fleury auf dem cluniazenischen Weg. Von Cluny dann den Pilgerweg nach Dijon, Dijon einen unsicheren Weg nach Belfort nach Strasbourg. Von da nach Schuttern und Marmoutier. Sollten wir immer noch nicht genug haben, könnten wir von Strasbourg die Römerstraße nach Speyer, Worms und zurück nach Mainz nehmen. Hier habt ihr eine Karte erstmal bis Metz.“[5]

karte

“Wollt ihr auch eine Karte sehen wie wir aus heutiger Perspektive gehen würden? Oder würde euch die Weite, die ihr zu Fuß gehen müsst deprimieren?“

route

“Können wir vielleicht ein Pferd nehmen oder irgendwas anderes? Bis Tholey ist es ganz schön weit.“ Fragt Bruno während er sich den Schweiß von der Stirn tupft.

“120 km genau genommen. Aber das mit dem Pferd lassen wir lieber. Da es als Statussymbol gilt und wir starke Rechtfertigungen anstellen müssten, um zu erklären warum wir eins haben. Selbstverständlich könnten wir so tun wie später Bernhard von Clairevaux und sagen wir hätten uns das Pferd inklusive exklusiver Reitausrüstung von einem anderen Mönch geliehen… nur sollten wir nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen. Meint ihr nicht?“[6]

“Müssen wir wirklich zweimal nach Cluny?“

“Ich fürchte schon…ich habe keinen anderen Weg gesehen, als wieder über den Jakobsweg zu gehen…keine Keltenwege oder Römerstraßen und ich bin mir nicht sicher wie ausgereift die Cluniazensischen Wege sind, die sich angeblich als ausgetretene Pfade entwickelt haben.“

“St. Mauritius in Tholey finde ich unwahrscheinlich spannend. Dafür möchte ich euch direkt mindestens drei Gründe nennen: der Schutzpatron der Abtei scheint uns heute ungewöhnlich gewählt, 1066 wird hier Kuno I von Pfufflingen sterben und im Gegensatz zu anderen Klöstern übernehmen hier alle Mönche die Seelsorge.“

“Das klingt alles sehr interessant, aber zuerst: können wir etwas über die Bibliothek erfahren?“

“Doch, doch hier sollten wir erfolgreich sein.“

Mit schnellen Schritten läuft eine lange Gestalt auf uns zu und begrüßt uns am Eingang des Klosters. “Willkommen, Willkommen Brüder. Ich möchte euch zuerst herumführen und euch dann euren Schlafplatz zeigen. Ist das genehm? Nun also los. Unser Kloster gründete sich bereits vor 634 n.Chr. Unser Kloster steht unter dem Patrozium des heiligen Mauritius. Der heilige Mauritius war der Anführer, der Primicerius der Thebanischen Legion. Ein Märtyrer also. Man ruft ihn als Schutzheiligen des Herres, der Infanterie, der Messer- und Waffenschmiede vor Kämpfen, Gefechten und Schlachten. Und ja er ist ein Nigreos. Sollten Sie ein Problem damit haben, haben wir für Sie nichts als Verachtung übrig. Wir und andere Nutznießer der Mauritiusreliquien unter anderem Auxerre, Köln, Magdeburg, Echternach, Centula und Siegnurg.[7] Außerdem ist er Schutzpatron des Kaisers, des Heiligen Römischen Reiches und Schutzpatron der Ottonen. Wie sie wissen sind unsere geistigen Nachbarzentren Trier und Metz. Ein Trierer Einfluss lässt sich ebenfalls nicht verneinen. Ich habe Sie noch gar nicht gefragt wie ihre Anreise war! Und wie schön, dass Sie uns aus Montecassino besuchen. Reisen Sie um des Testamentes willen, wegen einer bestimmten Schrift oder eines anderen Auftrages?“

“Gnädiger Bruder, der Heilige Mauritius ist bei uns in dem Maße nicht verbreitet, aber auch uns ist er ein Heiliger. Doch kenne ich keinen der ihn nicht heiligt, aber Sie werden aus Erfahrung sprechen. Unsere Anreise war durchaus eine Kräftezehrende. Dank der Licensa und dem Schutz des Herren eine Sichere. Zu ihrer Frage: ihr Kloster gehört seit spätestens dem 8. Jahrhundert zu unseren Bruderschaften und wir sind zum einen unwahrscheinlich neugierig, wie ihr nach der Benediktregel lebt und zugegeben wir sind sehr interessiert zu sehen, welches Wissen sich in den Bruderschaften etabliert. Wir wollen vermehrt voneinander lernen, um auch unsere alten Strukturen zu erfrischen.“

“Eine Freude. Ich zeige ihnen wo Sie ruhen können und morgen widmen wir uns dann der Klosterbibliothek.“

Am nächsten Tag begeben wir uns zur Klosterbibliothek. Auf dem Weg dorthin frage ich Bruno, ob er vielleicht Maria die Geschichte erzählen möchte, wie der Trier Erzbischof Kuno I von Pfullingen sterben wird. Bruno nickt.

“Ich werde es in der Vergangenheit erzählen, da ich nur die Erzählung meiner eigenen Gegenwart kenne. Also: im Mai 1066 wurde der erst vor kurzem ernannte Erzbischof von Trier Kuno I. von Pfullingen in Ürzig an der Mosel gefoltert. Anschließend nach 14 Tagen Haft, am 1. Juni 1066, wird er von vier Leuten von einem Felsvorsprung gestürzt. Er überlebte den Sturz und so wiederholten die Männer noch zweimal die Prozedur. Sie schmissen ihn hinunter er lebte weiter, sie schmissen ihn hinunter und er lebte weiter.

Also schlugen sie ihm den Kopf ab, ließen die Leiche liegen und verschwanden. Gefunden von Bauern der Umgebung wurde er am 10. Juli 1066 in Tholey beigesetzt. Wenn du Hüftleiden hast oder Gliederschmerzen solltest du ihn anrufen…“[8]

“Der Grund soll ein Machtstreit sein: als sein Onkel Kaiser Heinrich IV. ihn als Bischof in Trier einsetzt- ärgern sich in Trier einige, da sie hätten gefragt werden müssen. Erzbischof Hanno beauftragte dann Bischof von Speyer ihn mit militärischem Schutz zu begleiten. Nun erfolglos wie die Geschichte erzählt.“

Mönch Vinzenz eilt zu uns mit schnellen Schritten. “Ihr seid mir eigentümliche Bummler…ich habe nicht lange Zeit also los…Als erstes möchte ich euch das Testament des Adalgisel von Grimo zeigen.“[9]“Außerdem besitzen wir eine passable Handschriftensammlung, besonders für den alltäglichen Gebrauch und ein Skriptorium.“[10]

[Weiteres: die Benediktinerabtei Tholey gilt als ein Beispiel für Zerstreuung und Vernichtung von Beständen im linksrheinischen Gebiet. Bis zum 18 Jahrhundert soll diese gut erhalten sein, einige wenige Schriften lassen sich in Trier finden, einige wenige in Metz.[11]]

“Salvete Bruno, Maria, Cuno! Gerade rechtzeitig zur Echternacher Springprozession. Wunderbar habt ihr ein Glück! Ich möchte euch aber zunächst erklären, wir tun diesen drei-Sprung zu Ehren des Heilligen Willibrord, dessen Geschichte ich euch aber später erzähle. Nun wollen wir erstmal los.“

“Also der heillige Willibrord…ich denke mal wegen ihm seid ihr hier: geboren 658 n. Chr. von frommen Neukonvertieten wuchs er im Kloster Ripon auf. Ab seinem 20. Lebensjahr ging er in das Kloster Rathmelsigi in Irland und daraufhin wurde er Erzbischof von Utrecht. Aufgrund seiner ausgezeichneten Beziehungen nach Rom und durch die Empfehlung der Pippiniden wurde er reich beschenkt. So war ihm die Gründung von Echternach möglich. Von hier aus bereitete er seine Missionsreisen nach Friesland, Dänemark und Thüringen vor. Er förderte stets die Gelehrsamkeit und Schreibkunst, welche uns heute noch die höchsten Ideale sind. Diese Werte haben eine hohe Anziehungskraft und aufgrund der vielen Pilger müssen wir eine größere Kirche bauen. Die Benediktinerregel wurde bei uns erst 200 Jahre nach dem heiligen Willibrord eingeführt. Sie sehen Bildung war uns schon seit Gründung ein Wert. Deshalb will ich gar keine Zeit verschwenden und euch direkt ein paar Werke zeigen, bei denen Sie ihr Augenlicht verlieren und wiederfinden werden. Verlieren im Glanz, finden in der Wahrheit. Oh, ich vergas eine Sache ist noch wichtig:

Unsere Abtei ist ‚Reichsunmittelbar’ bedeutet, wir erkennen einzig drei Herren als Autorität an: Gott, den Papst und den römisch-deutschen Kaiser.“

“Brüder aus Monte Cassino, Liebhaber der Schrift ich präsentiere Ihnen zunächst vier Schriften:

  • Codex aureus Epternacensis[12],[13]: komplett in Gold geschrieben, mit vier Evangelien, 64 Illustrationen und einem Buchdeckel auf der Trierer Egbert Werkstatt. Unser ganzer Stolz. Blättern Sie ruhig![14] [1020-1050, Anzahl der Mitarbeiter unbekannt, später sind keine Auftragsarbeiten in dem Stil bekannt]
  • Perikopenbuch für Heinrich III[15]: Schaut, eine Reisehandschrift für Kaiser Heinrich III. Mit persönlicher Widmung: “O König, dieser Dein Ort, Echternach genannt, erwartet bei Tag und Nacht Deine Gnade.“[16] [1039-1043]
  • Liber aureus Epternacensis[17]: hier bewahren wir unser Lehensverzeichnisse auf, trotz Leihenäbte sind wir so saubere Schreiberlinge, dass wir die Dokumentation nie aufgegeben haben. [ab 772-1222]“
  • Codex Caesareus Upsaliensis (Goslarensis)[18]: Sie finden hier 318 bebilderte Seiten. Wunderschön nicht? Unsere hauseigene Buchmalerei ist unwahrscheinlich produktiv und wir exportieren viel. [1050]“

“Valete! Es war uns eine Freude. Vielen Dank für das Schreibwerkzeug und die Farbe die benötigen wir hier ja reichlich. Grüßen Sie in Metz von uns.“

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[Metz]

“Ihr seid bestimmt gespannt auf Cluny?“ frage ich in die Runde.

Maria entgegnet: “Es ging schon recht häufig um die Benediktinerregel und ich denke es wäre nicht schlecht, wenn wir darüber etwas erfahren würden.“

“Du hast recht damit sollten wir beginnen. Also das Klosterregularium von Benedikt von Nursia für die Klostergemeinschaft Montecassino wurde ungefähr um 540 verfasst. Sie soll die Grundlage des Ordens der Benediktiner werden. Sie besteht aus 73 Kapiteln:[19]

  • Der Prolog und die Kapitel 1 bis 3 umfassen Grundlegendes zum Mö
  • Die Kapitel 4 bis 7 befassen sich mit monastischen Tugenden wie Gehorsam, Schweigen und Demut.
  • Die Kapitel 8 bis 20 treffen Anordnungen zum opus Dei, dem Gottesdienst.
  • Die Kapitel 21 bis 30 klären Strafen für Verstöße gegen die Regel.
  • Die Kapitel 31 bis 57 beschreiben Klosterverwaltung, Arbeit, Versorgung der Mönche, Gastfreundschaft und Handwerk.
  • Die Kapitel 58 bis 66 regeln die Aufnahme von Novizen, die Rangordnung in der Gemeinschaft, die Einsetzung von Prior und Abt und die Aufgaben des Pfö Gemäß Kapitel 58 umfasst das Ordensgelübde die Versprechen von Beständigkeit (Stabilitas loci, das heißt Bindung an ein bestimmtes Kloster), klösterlichem Lebenswandel und Gehorsam.
  • Die Kapitel 67 bis 72 widmen sich dem Umgang der Brüder untereinander.
  • Kapitel 73 ist ein Epilog.

Oder eben: Ora et labora et lege. Unter diese Regel fallen erst in Frankreich und dann im gesamten Abendland immer mehr Klöster. Aber die ganze Geschichte der Benediktiner würde hier zu weit führen.“

“Und was ist die Cluniazensischen Reform?“[20]

“Ausgehend von Cluny gibt es den Wunsch einer Reform der Klosterwirtschaft. Man möchte sich von dem Herrschaftsanspruch der Bischöfe befreien und nur noch unter Schutz des Papstes leben und den geistlichen Verfall entgegenwirken. Bei dem Investiturstreit hat Cluny eine nicht ganz eindeutige Rolle. Sie wollen sich nicht einmischen, vermitteln zwischen allen und sind doch in der Diskussion immer zu finden. Zu den Grundgedanken der Reform kann man sagen, dass man eine viel strengere Beachtung der Regula anstrebte. Sie beten jetzt 215 Psalmen und kommen auch deshalb gar nicht mehr zur Arbeit. Weiter gehört dazu- größte Gewissenhaftigkeit bei den täglichen Gottesdiensten. Jeder einzelne Mönch war aufgerufen seine eigene Frömmigkeit zu vertiefen und sich an die Vergänglichkeit des irdischen Lebens zu erinnern.“

Momento mori also?“

“Genau.“

“Nicht uninteressant ist, die Zusammenhänge kann ich euch aber leider nicht erklären, dem ging eine Zeit voraus, welche wir heute als pseudoisidorische Dekretalen kennen. Eine Phase umfangreicher und einflussreicher Fälschungen. Gefälscht wurden Gesetzgebungen fränkischer Herrscher, eine Sammlung vom Strafprozessrecht und ca. 90 gefälschte Papstbriefe.“[21]

“Maria kannst du uns etwas über die Literatur um Cluny erzählen?“

“Du willst auf Bernard von Cluny hinaus, richtig? Um 1140 lebte ein Mönch in Cluny, welcher ein satirisches lateinisches Gedicht über die Ordnungen seiner Zeit schrieb im Rahmen von 3.000 Zeilen in Form eines daktylischen Hexameters (De contemptu mundi). Seine genaue Identität ist etwas umstritten.[22] Ob dies an dem Verhältnis zu Humor seiner Zeit oder der späteren Zeit lag? Interessant ist auch Petrus Venerabilis. Geboren 1092, gestorben 1156. Er gab die erste Übersetzung des Korans ins Lateinische in Auftrag. Er war der Überzeugung, dass der Islam intellektuelle Probleme aufwirft, welche noch nicht zufriedenstellend beantwortet werden können. Eine intellektuelle Auseinandersetzung sei der richtige Weg in dieser Frage.“

“Der, der gesagt hat die eigentlichen Feinde sein nicht die Sarazenen und es ginge nicht an gegen sie vorzugehen so lange die Juden, die eigentlichen Feinde Christi in unserer Mitte leben?“[23]

“Ja so soll er es gesagt haben.“

“Ich wüsste aber gerne noch mehr über den Cluniazensischen Verband. Er scheint recht relevant in dieser Zeit zu sein.“ Erkundigt sich Bruno.

“Okay, also es ist so: der Abt von Cluny ist der wichtigste des Cluniazensischen Verbandes. Anschließen können sich Priorate, in dem Fall spricht der Prior dem Abt von Cluny ein Treuegelöbnis und Abteien in dem Fall sind es die Äbte. Es gibt aber auch eigenständige, diese sprechen kein Treuegelöbnis aus. Diese werden durch den Abt von Cluny kontrolliert, ob sie sich auch an die vorgeschriebenen Lebensgewohnheiten halten. Motivation war Frömmigkeit und Verbundenheit zueinander herzustellen. Ihr habt gesehen, es ist ein sehr mobiles Zeitalter, jeder ist auf Macht und Wissen von Verbündeten angewiesen.[24] Unter Hugo von Cluny (1049-1109) erlebt das Kloster seine Blüte und die Gemeinde wuchs stark an, die angeschlossenen Priorate und Abteien vervierfachten sich. Ab 1088 trug er das bischöfliche Ehrenzeichen. Cluny hatte auch einen Chronisten von 1079-1086: Ulrich von Zell schrieb Constitutiones Cluniacenses. Doch bereits im 12. Jahrhundert stagnierte die Ausbreitung und es gab eine Auseinandersetzung mit dem eben zitierten Abt Venerabilis und Bernhard von Clairvaux. Er gründet die Reformbewegung unter den Benediktinern und damit die Zisterzienser. Ich denke, wir sollten langsam mal Abt Odilo aufsuchen und uns etwas über ihre Armenfürsorge und die Klosterbibliothek erzählen lassen. Cluny ist wirklich riesig und ich bin mir sicher wir haben uns jetzt schon verlaufen.“

“Ich begrüße euch Brüder und ich begrüße sehr eure Bemühungen sich der cluniazensischen Reform anzuschließen. Das Mutterkloster Montecassino sollte sich mit dem Kloster, welche die Benediktregel am meisten heiligt unbedingt stark verbinden. Uns ist die Armenfürsorge von ganz besonderer Bedeutung, wir besitzen 18 dauerhafte Wohnplätze für Arme, ein eigenes Amt für die Versorgung der Armen der Elemosinar. Unsere Gründungsurkunde betont bereits eine solch besondere Aufgabe. An Gründonnerstag nehmen wir die rituelle Fußwaschung der Armen vor. Wenn ein Mönch stirbt, so geht seine Essensration für 30 Tage an Arme und dies wird jedes Jahr zu seinem Todestag wiederholt. Den Toten zu gedenken ist mir ein wichtiges Anliegen. Kürzlich führte ich auch einen Totengedenktag ein (Allerseelentag). Eine weitere Säule unseres Klosters ist die Bibliothek, nach der Regula Benedicti Kapitel 48 ist die Bibellektüre wegweisend und bestimmt unsere Klosterbibliothek. Wir besitzen ungefähr 500-700 Handschriften.[25] In unserer Bibliothek wird studiert und auch viel abgeschrieben. Wir müssen ja auch den anderen Klöstern gewährleisten können, dass sie ausreichend Bücher haben. Es war mir eine Freude, genießen Sie ihren Aufenthalt.“

“Kaum vorstellbar, dass das hier einmal alles zerstört sein wird.“

“Wir können ein paar Mönche auf ihrem Weg nach Fleury begleiten, heute. Bis zum Vorabend der Reformation wird von 600-800 Handschriften ausgegangen und die Verteilung einiger Schriften ist ausgesprochen nachvollziehbar. Bevor wir losgehen muss ich euch aber sagen, dass seit 577 in Fleury die Gebeine des Montecassino liegen. Außerdem ist es quasi das Zentrum der Cluniazensischen Bewegung.[26] Aus dem 13. Jahrhundert gibt es eine erhaltende Handschrift, welche Kommentare zur Heiligen Schrift bereitstellt.[27]

Fleury war in der Karolingerzeit ein wichtiger Wallfahrtsort, Schule und Schreibort und besaß eine bedeutende Bibliothek. Im neunten Jahrhundert galt sie als eine der umfassendsten des Westens.

In der Bibliothek angekommen, werden uns unter anderem folgende Schriftstücke gezeigt:

Dionysius Areopagita[28][1034-1066] und die zweisprachige Alba von Fleury-sur-Loire[29] [1000] außerdem einige einzelne Schriften, welche später das Fleury “Playbook“ werden [ca. 1200].

Aus der Bibliothek raus, frage ich Maria, was wir heute über das “Playbook“ wissen.

“In der Gesamtheit ein biblisches lateinische Spielbuch. Bis zur Französischen Revolution war es in Fleury und danach befindet es sich in Orléans. Es beinhaltet 10 Werke je über 176-243 Seiten. Belege, dass tatsächliche Aufführungen damit stattgefunden haben, lassen sich jedoch nicht finden. Der Gebrauch unterscheidet sich also nicht wirklich von dem der anderen Bücher. Bruno möchtest du etwas über die Juden in dem Spielbuch erzählen?“

“Das ist eine komplexe Angelegenheit. Wir finden hier zwei Tendenzen, wie Juden gesehen werden. Zum einen als Ritualmörder, als Feinde und als irrational. In 6 von 10 Geschichten werden Juden als gewalttätige Heroden dargestellt. In den anderen Geschichten findet sich das Bild, Juden sind diejenigen, mit denen man eine Glaubensherkunft teilt. Grundsätzlich lässt sich sagen: Juden das sind die Anderen.“[30]

“Das Morgenlied umfasst drei Strophen auf Latein und zwei Verse in einer frühromanischen Sprache, welche nach Prof. Hilty altokzitanisch sein sollen. Wollt ihr mal die übersetzte Version hören?“

Vor dem Aufgang des hellen Gestirns des Phoebus strömt die Morgenröte ein schwaches Licht über die Erde.

Der Wächter ruft den Trägen zu: Stehet auf! Die Morgenröte erscheint. Oh Mutter! Er (d. h. der Freund) nähert sich allein. Da ich zu ihm hingehe, ach Wächter, betrachte die Helligkeit als Dunkelheit! (d. h. stell dich blind und suche nicht zu sehen, was du im Licht der Morgendämmerung sehen könntest: meine Begegnung mit dem Freund)

Siehe, die Nachstellungen der Feinde brennen darauf, die Unachtsamen und in Trägheit Erstarrten abzufangen; sie ermahnt der Warner mit lautem Ruf, aufzustehen. Die Morgenröte erscheint …

Vom Arcturus trennt sich der Polarstern, die Sterne am Himmel verbergen ihre Strahlen, das Siebengestirn strebt dem Osten zu. Die Morgenröte erscheint … [31]

Bruno lacht. “War das ein Thema für die Mönche, sich nach einer gemeinsam verbrachten Nacht über Trennungsschmerz zu beklagen?“

“Kommt ihr? Ich möchte gern noch Abt Gauzlin von Fleury treffen, vielleicht kann er uns etwas von seinem Vorgänger erzählen “Abbo von Fleury“. Er war nicht adelig und ein umfassender Gelehrter, er versuchte den Leuten die Angst vor dem Weltuntergang zu nehmen, der um 1000 befürchtet wurde. Außerdem ist er Autor von einigen Werken unter anderem von “De syllogismis hypotheticis“.[32] Komisch, dass wir es eben nicht in der Bibliothek gefunden haben. Heute würde man aber auch diese Logik nicht mehr unterrichten.[33] Für ihn gilt, wenn a behauptet werden kann, kann auch b behauptet werden und nennt als Beispiel: Wenn er Mensch ist, ist er Lebewesen. Das mag jetzt zufällig wahr sein, aber ich kann nicht behaupten: Wenn es eine Tomate ist, ist es auch ein Gemüse. Nun biete diesen Vergleich hier niemanden an, sie kennen noch keine Tomaten. Andererseits würde ein mittelalterlicher Botaniker vermutlich besser verstehen, warum eine Tomate eine Frucht ist.“

Nach wenigen Tagen zurück in Cluny treten wir die lange Reise nach Schuttern an. Dafür nehmen wir von Cluny den Jakobsweg nach Dijon. Von hier müssen wir zurück auf Römerstraßen wechseln.

Abb.[34]

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“Ich hoffe wir kommen von Nancy nach Strasbourg, ansonsten müssen wir nämlich den ganzen Weg über Metz, Saarbrücken, Karlsruhe nehmen.“

[Strasbourg]

“Cuno, ich bin echt müde und würde lieber mal länger in einer Stadt wie Strasbourg oder Metz bleiben und mir das mittelalterliche Stadtleben ansehen. Warum genau müssen wir uns noch Schuttern ansehen?“

“Wir gehören zu den Glücklichen, welche das 1973 entdeckte Mosaik durch Karl List, welches Kain und Abel abbildet, ganz bestaunen dürfen.[35] Nicht zu vergessen, dass es einen Beleg gibt für eine Schreibschule um 820.“[36]

“Mich interessiert noch mehr Heinrich der II., welcher mit dem Kloster verbunden ist, nachdem es kurzzeitig verarmte. Heinrich der II. beruft sich auffällig oft und ausschließlich auf das mosaische Gesetz. Dieses hat oberste Priorität für ihn.“[37]

“Also Bruno, da du dich für Rezeptionsgeschichte und Chroniken interessierst, wird dich der Chronist Paul Volz von Offenburg interessieren. Mönch und Bibliothekar hegt bereits 1538 Schwierigkeiten die Geschichte des Klosters im 11. Jahrhundert zu erzählen, er beanstandet eine Lücke von 1016-1135. Spannend oder?“[38]

“Wir sollten aber mit etwas Feingefühl dort auftreten. Vor kurzem erst schenkte König Heinrich II. das Kloster Gegenbach, welches eng verbunden ist mit Schuttern, dem Neugegründeten Bistum Bamberg. Außerdem sind sie gerade hier alle sehr beschäftigt mit dem Investiturstreit. Aber Gegenbach besitzt ein Skriptorium und eine Buchbinderei, da sollten wir bei Gelegenheit mal vorbeischauen.“

Mönch Abdelardus erklärt uns, dass Schuttern in Karolingischer Zeit eine wichtige wirtschaftliche Stellung innehatte und bei Ludwig dem Frommen eine wichtige Rechtslage einnahm. “Wir hatten damals eine noch viel wichtigere Schreibschule. Ich möchte euch ein Evangeliar aus der Zeit zeigen.“[39] Wir können noch mindestens drei weitere Schriften bestaunen.[40]

“Cuno was sagst du als Philosoph und Nicht-Gläubiger zu Anselm von Canterbury’s Gottesbeweis?“

“Beginnend mit Psalm 53 “Es gibt kein Gott“. Verfasst mit Gauolino Graf von Mintigni. Oft besteht die Annahme, dass der Beweis formal-logisch nicht gültig sei. Ich meine aber eine Dissertation in München hätte einmal bewiesen, dass er es doch ist. Wie auch immer. Das grundsätzliche Argument des Beweises ist ja, dass nicht- Gott, nicht gedacht werden kann, wenn Gott nicht existiert. Es gibt kein nicht p ohne p. Er vollzieht einen Beweis durch Widerspruch p ∧ ¬p können nicht gleichzeitig wahr sein. Kant entgegnete später, dass Begriffe kein Beleg für etwas tatsächlich Existierendes sind und Begriffe ganz ohne ihre Existenz bestehen können. Danach galt der Gottesbeweis als widerlegt. Ich persönlich denke, es macht keinen Unterschied, ob Gott tatsächlich existiert oder nur in der Vorstellung. Eben auf dieses Problem spielt aber Gauolino an, welcher fragt ob, etwas allein wirklich ist, wenn es im Verstand ist und macht dies an dem ontologischen Zustand einer verschwundenen Insel klar. Eine nette Anekdote zu der Diskussion ist noch, dass Anselm darauf bestanden hat, seinen Beweis nur mit dem von Gauolino drucken zu lassen. Angesichts Überlegungen zum geistigen Eigentum wirklich reizend.“[41]

“Und glaubst du Philosophen brauchen Bücher?“

“Ich bin fest davon überzeugt, dass Philosophie von der Auseinandersetzung mit anderen Gedanken lebt. Schopenhauer sah das anders. Er war der Meinung viel lesen müsse nur der, welche selber nicht denken kann.[42] Anselm von Canterbury könnte so ein Kandidat gewesen sein, welcher selber ausgezeichnet gut denken konnte und sich in Marmoutier hauptsächlich zum Denken zurückgezogen hat. Die Gründungsgeschichte des Klosters von Marmoutier geht selber auf einen Bischof zurück, der 372/ 375 in den Höhlen als Einsiedler lebte, dann einen Schülerkreis um sich bildete und damit das Kloster begründete. Andererseits werden im Jahr 982 die Mönche aus Marmoutier durch Mönche aus Cluny ersetzt. Die wären mit wenigen Schriften vermutlich nicht zufrieden gewesen, da sie ihre Regel dann nicht einhalten könnten. Wir sollten gemeinsam schauen gehen und vielleicht treffen wir auch Anselm von Canterbury noch.“

 

letzte Aufruf aller Webseiten: 29.03.2021

[1] https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/geschichte/baugeschichte.html

[2] vgl. https://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/aufsaetze/flug-kloster-altmuenster-gruendung.html#a49

[3] vgl. https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/58793/50546

[4] http://www.kleio.org/de/geschichte/mittelalter/alltag/kap_xi4/

[5] s. http://www.altwege.de/roemer-und-kelten/altwege-mosel.html

[6] vgl. Sonntag 2008: 615. https://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=mELv-rhn9w4C&oi=fnd&pg=PP13&dq=m%C3%B6nche+pferde&ots=PrtcpiDDo2&sig=7glYqngR4RBi82i-nasfOfQSAgM#v=onepage&q=m%C3%B6nche%20pferde&f=false

[7] vgl. https://www.schatzkammer-siegburg.de/start/

[8] https://www.saarland-lese.de/index.php?article_id=532

[9] Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:TestamentsAdalgiselGrimoL1040601_(2).JPG

[10] https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/st-wendel/tholey/buchvorstellung-die-buchschaetze-im-tholeyer-kloster_aid-44680733

[11] https://fabian.sub.uni-goettingen.de/fabian?Bibliotheken_In_Saarland

[12] Buchdeckel: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Book_cover_of_Codex_Aureus_of_Echternach?uselang=de

[13] Inhalt des Buches: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Codex_Aureus_of_Echternach?uselang=de

[14] https://www.youtube.com/watch?v=B6HocA_pho8

[15] https://www.ziereis-faksimiles.de/faksimiles/echternacher-evangelistar-kaiser-heinrichs-iii#wichtige-merkmale

[16] https://m.suub.uni-bremen.de/app/webroot/uploads/cms/files/Evangelistar_SuUB_Bremen.pdf

[17] https://dhb.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/ufb_derivate_00011020/Memb-I-00071_000048.tif?logicalDiv=log_54ca2e-bb3e-da68-bd139bebb

[18] https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Codex_Caesareus_Upsaliensis_-_Uppsala_universitetsbibliotek_C93

[19] http://www.intratext.com/IXT/DEU0017/__P1D.HTM

[20] https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b90666212/f96.item

[21] http://www.pseudoisidor.mgh.de/

[22] http://hymnarium.de/vitae/163-bernhard-von-morlas

[23] https://www.mgh-bibliothek.de/dokumente/a/a139213.pdf

[24] https://www.puk.uni-frankfurt.de/75040689/Mobilit%C3%A4t_im_Mittelalter__Gelehrte_auf_Wanderschaft?

[25] https://www.mittelalter-lexikon.de/wiki/Bibliothek

[26] https://archiv.twoday.net/stories/2799773/main

[27] https://mediatheques.orleans-metropole.fr/ark:/77916/FRCGMBPF-452346101-01A/D18010547/v0001.simple.highlight=Fleury.selectedTab=thumbnail

[28] http://katalog.burgerbib.ch/detail.aspx?ID=129147

[29] http://www.archiv.uzh.ch/dam/jcr:ffffffff-92dc-1ae4-0000-000019601aaf/Jahresbericht_UZH_1980_1981.pdf

[30] https://www.jstor.org/stable/41154212?seq=2#metadata_info_tab_contents

[31] http://www.archiv.uzh.ch/dam/jcr:ffffffff-92dc-1ae4-0000-000019601aaf/Jahresbericht_UZH_1980_1981.pdf

[32] https://mediatheques.orleans-metropole.fr/ark:/77916/FRCGMBPF-452346101-01A/D18012117?posInSet=9&queryId=f2ead6cb-07b8-4158-b997-bdf3d860b53d

[33] https://books.google.de/books/about/De_Syllogismis_Hypotheticis.html?id=Yr0p36H0hrgC&printsec=frontcover&source=kp_read_button&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false

[34] http://www.altwege.de/roemer-und-kelten/interaktive-karte.html

[35] https://www.museum.de/museen/kloster-und-pfarrkirche-schuttern-mit-ausgrabung

[36] https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bl_add47673/0001/thumbs

[37] https://edoc.ub.uni-muenchen.de/5592/1/Pohl_Monika.pdf

[38] https://www.geschichtsquellen.de/werk/1191

[39] https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bl_add47673

[40] https://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/digi/handschriften_schuttern.html

[41] http://www.philo.uni-saarland.de/people/analytic/strobach/alteseite/veranst/mittelalter/GOTTESB.html

[42] Schopenhauer, Arthur (1891). Arthur Schopenhauer’s Sämmtliche werke. Deutschland: F. A. Brockhaus.(§ 267)


Die Permanenz des Pergaments

EINE ZEITREISEGESCHICHTE VON CELINA MÜLLER

Becken mit Wasser und Becken mit Kalk seht ihr hier vor euch. Bei Gerbern findet ihr auch noch Becken mit Gerbsäure. Bei reinen Pelzherstellern eben keinen Kalk und keine Gerbsäure. Es gibt wohl auch Pergament- und Lederhersteller, welche komplett mit organischen Mitteln wie Urin oder Bier arbeiten.[1] Mir ist schleierhaft, wie sich da die Haare gut und vollständig von der Haut lösen sollen. Denn gerade die Kalklauge ist doch dafür zuständig! Jetzt bin ich aber den zweiten Schritt vor dem Ersten gegangen. Also, die Häute kommen zuerst in Becken, in welchen sie gewässert werden, um den ersten groben Dreck loszuwerden. Das dauert meist so einen Tag und eine Nacht. Dann kommen sie in ein Becken von 2x1x1 Meter, mit bestenfalls Kalklauge. Aber ich erwähnte ja bereits, manche verwenden Bier, Urin oder andere Flüssigkeiten. Immer eben auch abhängig davon, was gerade verfügbar ist und was es werden soll. Die Haut liegt dann für 8-16 Tage bei uns in der Lösung und wird 2-3-mal täglich umgerührt.[2] In manchen Klöstern mag das anders aussehen und aufgrund der Verwendung von organischen Materialien lassen sie die Häute dann 4-6 Wochen in der Lösung liegen. Anstelle von Becken können aber auch Krüge verwendet werden. Von Holzfässern sind wir aber abgekommen, die lösen sich zu schnell auf und verunreinigen das Material. Ziel ist es, die Haarwurzeln zu lösen, um dann die Haare mit einem Halbmondeisen oder Messer einfach abschaben zu können. Wirklich gut gelingt das eben nur mit einer guten Kalklösung. Gehen wir doch mal da hinüber, dann kann ich euch zeigen, wie das aussieht. Wie kommt ihr eigentlich dazu, euch die Verarbeitung hier anzusehen? Gibt es in Montecassino keine Pergamentherstellung?“ Morten der Pergamenter, mustert die drei angeblichen Mönche Bruno, Maria und Cuno mit einem leicht misstrauischen Blick, während er sein Halbmondeisen schärft.

Cuno blinzelt in die Wintersonne, Bruno kratzt sich am Kopf. Schließlich rafft sich Maria zu einer Antwort auf: “Die Schreibmaterialfrage ist bei uns noch recht wüst. Es gibt Vorgaben den Papst betreffend, dass die Urkunden auf Papyrus verzeichnet werden müssen.[3] Es gibt sogar auch noch Papyrusanbau auf Sizilien. Sie wissen sicherlich, dass Papyrus wesentlich billiger ist. Jedoch ist es auch weit weniger widerstandsfähig als Pergament. Im Übrigen wären wir gerne als Kloster autonom in der Herstellung von Schriften. Ich denke das ist der Grund für viele Klöster, auf Pergament umzusteigen. Auch lässt sich die Buchmalerei in ihrer vollsten Schönheit nur auf Pergament erschöpfen. Pergamentschriften sind wertiger. Sie können besser mit ihnen reisen, sie durch mehr Hände gehen lassen, und sie können korrigiert werden. Wir haben also gute Gründe, bei religiösen Schriften vollständig auf Pergament umzusteigen. Unsere derzeitige Arbeitsweise erlaubt es uns jedoch leider nur, auf einer Seite zu schreiben. Deshalb würden wir gerne die „nördliche“ Arbeitsweise kennenlernen. Da Sie für Echternach produzieren gehören Sie wohl zu den besten.“[4],[5]

“Das schmeichelt mir. Wir achten hier tatsächlich ausgesprochen auf die Qualität im Gegensatz zu anderen Pergamentherstellern. Sie haben bestimmt schon die löchrigen und ungleich-dicken und unsauber genähten Exemplare gesehen. Sprechen wir über das Material. Die Häute, die sich zur Bearbeitung eignen, sind die von Ziegen, Scharfen, Rindern, beziehungsweise eigentlich doch eher immer die Jungtiere davon. Sie werden es gleich beim Abschaben und besonders nach der Trocknung sehen. Wer wirklich ein feinporiges, weißes und gleichmäßiges Pergament haben will, arbeitet mit der Haut von Zicklein, Lämmern und Kälbern. Lassen Sie sich aber bitte im Skriptorium Weiteres erklären. Ehrlich gesagt, ist in meinem Arbeitsprozess der Unterschied nicht so groß wie der im Skriptorium. Die können Ihnen noch etwas zu Fälschungssicherheit, Ausbesserungsarbeit und so weiter erzählen, das ist nämlich abhängig von der Haut. Wir haben jetzt die Haut gewässert, so dass Schmutz und andere organischen Reste gelöst worden sind. Dann haben wir die Haut in Kalklauge eingelegt und sie regelmäßig umgerührt. Wir nehmen die Haut aus der Kalklauge, legen sie hier auf diesen halb angekippten Bock und ziehen quasi mit dem Halbmondeisen oder eben Messer die Haare ab. Nun sehen Sie auch, wie das Tier gehalten wurde. Hat es Narben? Hat es Bisse? Deshalb muss jedes Kloster auf seine Tiere aufpassen, wenn angedacht ist, die Haut anschließend als Pergament zu verarbeiten.[6] Also die Haare sind gelöst, jetzt sollten wir es erneut wässern, um den Kalk zu entfernen. Damit gehen wir jetzt in den Verarbeitungsraum. Er ist gleich da drüben. Wir spannen die Haut in diesen hölzernen Rahmen mit Seilen oder Metallklammern. Dann kommt das Mondeisen zum Einsatz. Es wird auch Lunarium oder Lunellum genannt. Ich erzählte ja bereits von den ungleichmäßig dicken und genähten Pergamenten, richtig? Die Fehler passieren hier. Die Fleischseite wird jetzt durch kleine schnelle Hämmer-Bewegungen bearbeitet. Das ganze Fett muss gelöst werden, sonst verläuft später die Tinte. Die Haut muss für diesen Prozess auch unbedingt noch feucht sein. Also nicht aufspannen und erst in einer Woche wiederkommen. Das ist organisches Material, dass sollte man niemals liegen lassen. Es macht komische Dinge zu jedem Zeitpunkt. Deshalb, sobald eine Haut da ist, am besten sofort bearbeiten. Also: Wässern, Lauge, Abschaben von Fell, Wässern, Aufziehen, Abschaben von Fett. Danach kommt es zum Trocknen an einen trockenen Ort. Der Ort darf warm aber niemals feucht sein, die ganze Haut quillt euch sonst sofort auf. Auch auf gar keinen Fall in der Nähe von Feuer lagern. Pergament schrumpft schon ab 60 Grad. Der Trocknungsprozess ist im Wesentlichen abhängig von der Jahreszeit. Im Sommer ist die Haut schon am selben Tag trocken, kann dann ausgeschnitten und als Pergament ans Skriptorium geliefert werden. Wollen Sie farbiges Pergament, können Sie beim zweiten Wässern die entsprechende Farbe hinzufügen. Die Haut sollte dann aber auch noch mindestens einen Tag in der Farbe einweichen, darin umgerührt werden und dann noch ausgespült werden.“

“Das ist ja ganz schön aufwendig. Ich habe noch ein paar Fragen, ist das okay Morten?“

“Bitte, bitte dafür bin ich hier. Aber ich kann leider so gut wie keine Fragen zum Skriptorium beantworten. Ich habe keine Ahnung, was die da eigentlich machen. Auch bin ich nur für Pergament zu ständig. Nicht für Leder und auch nicht für Pelz, das macht Georg. Er ist gleich nebenan.“[7]

“Vielen Dank für den Hinweis. Vielleicht schauen wir da auch noch vorbei. Aber bleiben wir erstmal beim Pergament. Sie sagten, die Verwendung von Jungtieren sei wesentlich für eine gute Qualität des Pergaments. Mir ist zu Ohren gekommen, dass dafür teilweise ungeborene Tiere verwendet werden. Ist das korrekt?“

“Nun ja, schon, aber nicht so wie es vielleicht zunächst klingt. Also, es werden dafür Totgeburten verwendet. Für Pergament Mutter- und Jungtier zu opfern, wäre Verschwendung, ich bin mir sicher, dass das kein Kloster macht und es bloßer Mythos ist. Fehlgeburten haben wir bei Ziegen recht häufig, und die eigenen sich dann auch für nicht viel. Ansonsten werden Jungtiere auch manchmal verstoßen, weil sie krank sind oder aus Gott weiß was für Gründen.“

“Sie haben jetzt nur drei Tiere genannt. Eignen sich keine anderen? Wie Ratten, Katzen, Eichhörnchen, Kaninchen, Schweine, Wild?“

“Sie haben ja eben gesehen, wieviel Arbeit es ist. Für so kleine Tiere lohnt sich der Aufwand nicht. Schweinehaut ist zu grobporig, eignet sich vielleicht für den Buchdeckel, aber benutzen wir hier auch nicht. Wild und Pferde sind auch komplett ungeeignet, da die Haarwirbel und die Haut nicht gleichmäßig sind. Bei Pferden ist die Rumpfhaut zu dick, die Bauchhaut zu dünn. Es gleicht ja eh schon keine Haut der anderen, und wenn sich die Haut selber schon nicht gleicht, wird daraus auch kein gutes Buch. Das wäre wiederum Verschwendung von Zeit und Material. Ansonsten ist vielleicht ganz interessant, dass bei manchen Schriften, die der Juden zum Beispiel, am Ende des ganzen Prozesses ein ganz wenig Gerbsäure als Grundierung aufgetragen wird. Hierfür werden Tannine verwendet. Ich kann Ihnen nichts Genaues drüber sagen, wenn Sie es herausgefunden haben, sagen Sie gerne etwas dazu, denn es macht die Schrift um einiges haltbarer und sicherer vor Feuer und Feuchte. Ebenso handhabbarer, da das Material weicher wird. Sollte es aber zu viel Gerbsäure sein, haben Sie Leder, oder noch schlimmer, irgendwas dazwischen, was sich nicht beschreiben lässt. Wenn Sie was wissen, ich wäre sehr interessiert. Aber ich denke, es zeigt ganz gut: Pergamentherstellung ist aufwendig und empfindlich, deshalb haben wir schon länger den Prozess und Arbeitsbereich von dem der Gerber getrennt. Der Gerber Georg und ich besprechen aber immer die Häute und teilen sie nach Eignung unter uns auf.“

“Woher bekommt Ihr denn eure Häute?“

“Viel Eigenzucht. Die Tiere werden hier gezüchtet, geschlachtet und eben auch wirklich alles davon verwendet: Fleisch, Knochen, Knochenmark, Talk, Haare, Fett und eben die Haut. Das wäre auch meine Empfehlung an Euch. Ihr könnt dann aufpassen, dass die Tiere keine Narben bekommen. Aber manchmal bekommen wir auch Häute von anderen Klöstern, Händlern und Bauern. Seltener als Geschenke. Es gibt noch einige Häute, die auf mich warten, und die zwei neuen Laienbrüder muss ich noch etwas im Auge behalten. Bitte entschuldigt mich und grüßt Georg, solltet Ihr euch auch noch für Lederherstellung interessieren.“

“Ich hatte immer irgendetwas von Spaltung der Haut im Kopf, davon habe ich jetzt aber nichts gesehen oder gehört. Wisst Ihr etwas dazu?“

Bruno nickt. “Tatsächlich weiß ich etwas darüber. Die Haut wird entweder aufgespalten, wenn sie zu dick ist in der Lederverarbeitung oder aber auch, wenn man aus funktional oder ästhetischen Gründen nur die Lederhaut haben will. Zum Beispiel um feine Riemen herzustellen. Bei Häuten zur Beschreibung von heiligen Texten im Judentum wird auch teilweise die Haut aufgespalten. Für das Schreibmaterial heiliger Texte gibt es hier drei wesentliche Bestimmungen: “duchsustus“ ist aus der Dermis-Haut, also die untere nicht sichtbare Haut. Auf ihr wird vor allem Mezzuzot geschrieben. Alle anderen Pergamente wären aber auch halachisch erlaubt. “Klaf“ ist aus der Epidermis, der sichtbaren Haut, aus dem Material werden bevorzugt Tefillin hergestellt. Zuletzt “gevil“, die unaufgespaltene Haut, sie wird für die Abschrift der Heilligen Schriften bevorzugt. Die Qumran-Schriften wurden zum Beispiel auf gevil geschrieben. Maimonides war sich sicher, dass Moses am Berg Sinai das Gesetz auf gevil oder klaf geschrieben haben muss, damit es gültig ist.[8] Die Arbeitstechnik ist allerdings auch im 21. Jahrhundert ein ungelöstes Rätsel. Fragt mich dazu also nichts. Ich müsste euch mit einer mystischen Geschichte antworten. Kurz gesagt, die Spaltung der Haut ist relevant für Leder oder ganz bestimmte Pergamentzwecke. Es ist aber hoch kompliziert, so fein zu arbeiten und ein hohes Risiko. Verschneidet man sich, ist die ganze Haut oder Teile davon nicht mehr verwendbar.“

“Maria, hättest du irgendwelche historisch überlieferten Texte zur Pergamentherstellung?“

“Ja, die habe ich tatsächlich. Vielleicht sollte man anmerken, dass selten die das Pergament hergestellt haben, aufgeschrieben haben, wie man Pergament herstellt. Morten zum Beispiel, und die meisten anderen, die wir hier im Handwerksbereich des Klosters treffen, sind Laienbrüder. Für gewöhnlich können die nicht schreiben oder lesen. Will sagen, dass Aufgeschriebene ist aus zweiter Hand. Was einiges erklärt. Ihr werdet sehen. Fangen wir doch mit dem ältesten uns überlieferten Dokument an. Genannt Lucca-Handschrift und mit vollem Titel: «Compositiones ad tingenda musiva» aus der Capitularbibliothek Lucca (Cod. 490). Hier heißt es:

Pergamina quomodo fieri debet: Mitte illam in calcem et iaceat ibi per dies III; et tende illam in cantiro et rade illam cum nobacula de ambas partes et laxas desiccare…[übersetzt]…«Wie Pergament hergestellt werden soll: Lege (die Haut) in Kalk(wasser); da soll sie drei Tage liegenbleiben; dann spanne sie in den Reifen, schabe sie mit einem scharfen Messer und lasse sie trocknen…[9]

Recht knapp was? Also, ich wäre damit etwas ratlos. So eine Tradition wie Pergamentherstellung wird eben in der Regel von Vater an Sohn übergeben. Ich hätte noch einen, allerdings erst aus dem 13. Jahrhundert. Die Beschreibung stammt aus dem Bestiarium des Zürcher Kantors Konrad von Mure:

Über die Haut, wie aus ihr «Papier» gemacht wird. Pergament für Bücher wird aus Rindshaut gemacht. Das abgezogene Kalbsfell wird in Wasser gelegt, Kalk wird beigemengt, damit er alles Rohe abbeize, die Haut säubere und die Haare ablöse. Ein Kreis(ring) wird zurechtgemacht, und jene darin aufgespannt. Man stellt sie an die Sonne, damit die Feuchtigkeit herausgeht. Das Messer kommt und entfernt Fleisch und Haare, es macht die Haut dünn und frei. Dann wird sie für die Bücher zurechtgemacht, zuerst zu Bögen rechteckig zugeschnitten, die Bögen werden gleichförmig zusammengefügt. Dann kommt der Bimsstein, der jegliches Überflüssige entfernt; Kreide wird drübergestreut, damit das Werk nicht auslaufe. Die Punkturen werden gestochen, welchen die Bleistiftlinierung folgt, nach deren Marke die Zeile verläuft.[10]

Auf die Beschreibung folgt eine Auslegung der Arbeitsschritte im Sinne eines religiösen Ritus. Zum Beispiel steht das Entfleischen der Haut für Enthaltung von fleischlichem Verlangen. Das Waschwasser wird mit Weihwasser verglichen. Der Spannrahmen symbolisiert das Kreuz Christi. Die Sonne die Gerechtigkeit. Das Schabemesser die Vernunft. Das Pergament ist umso willkommener, je jünger das Rind ist, soll ausdrücken: “Schon als Jüngling sollst du das Joch Gottes tragen lernen!“[11] Also, ich weiß nicht, ob der Schreiber jemals ein Pergament hergestellt hat. Hier wird zum Beispiel auch beschrieben: “erst trockenen und dann scharben“. Morten würde verrückt werden, wenn er das hören würde. Was die Nachbearbeitung anbelangt, so bin ich gespannt, was das Skriptorium dazu sagt.“

“Meint ihr, wir könnten uns hier auch die Tiere ansehen? Ich habe nicht wirklich eine Vorstellung von der Haltung. Es soll ja in den europäischen Klöstern die Grundlage zur Massentierhaltung gelegt worden sein, das würde ich gerne überprüfen.“

“Haben wir denn einen guten Grund? Ich glaube, es ist etwas ungewöhnlich für durchreisende Brüder zu fragen, ob man sich den Stall schauen könne.“

“Wir könnten die Laienbrüder zu allerlei wichtigen Dingen zu den Häuten ausfragen. Besonders zur Größe der Häute. Dann fragen wir im Skriptorium viele Häute sie für die Bücher so ungefähr brauchen.“

“Das klingt sinnvoll. Aber bevor wir ins Skriptorium gehen, würde ich euch noch gerne einige kunsthistorische Überlieferungen zeigen.

[Abb. 1[12][18. Jahrhundert], Abb. 2[13] [1426], Abb. 3[14] [mitte des 12. Jahrhunderts], Abb. 4[15][mitte 14. Jahrhundert]. Solltet ihr dann noch nicht genug haben: Es gibt eine Zusammenstellung der wichtigsten Bildquellen aus dem 10. bis 18. Jahrhundert von: Janzen, Stefan. “Pergament“. In: Pergament. Geschichte, Struktur, Restaurierung, Herstellung. (Historische Hilfswissenschaften Bd. 2), hg. Peter Rück. Sigmaringen: Jan Thorbecke Verlag, 1991, 301-414.]

Also, auf dem ersten Bild sehen wir einen geschlossenen Raum mit 6 Leuten, welche alle mit der Pergamentherstellung beschäftigt sind. Dann sehen wir einen Mann mit Halbmondeisen, auch etwas ungewöhnlich. Die Haut ist ja enthaart, nun würde sie eigentlich mit dem Mondeisen bearbeitet werden.

Wirklich aufschlussreich finde ich das Bild, welches wie ein Kirchenfenster aussieht und den Ablauf der Herstellung einer Pergamentschrift erzählt. Es beginnt mit zweimal Abschaben, darauf folgt ein Blick in die Wachstafel, die Schärfung der Schreibutensilien, die Zusammenfassung von Pergamenten in Hefte, welche dann beschrieben und zusammengebunden werden. Ich glaube im vorletzten Bild wird der Buchdeckel festgehämmert. Das letzte Bild der Reihe, das unten in der Mitte ist, zeigt: Bücher sind für die Lehre gemacht. Das letzte Bild, welches ich euch zeigen will, ist das mit den zwei Männern in der Werkstatt. Es zeigt allerdings keine Pergamentherstellung, sondern eine Schreibwerkstatt. Hier werden wiederverwendbare Schriften, Buchdeckel usw. aufgehoben. Interessant, oder? Man denkt immer so sehr an den Prozess der Herstellung und vergisst darüber völlig, was mit Dingen gemacht wird, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.“

“Das würde ich so nicht sagen. Im Judentum werden alle Schriften aufgehoben, in denen der Namen Gottes steht. Sie werden dann in einer Genizah aufgehoben oder eben beerdigt. Du hattest aber eben von nicht mehr verwendbaren Schriften gesprochen, welche zur Wiederverwendung eingelagert und neu beschrieben werden. Die nennen wir Palimpseste, oder?“

“Ja genau. Apropos Palimpsest, das einzige Exemplar von Cicero “de re publica“ ist als Palimpsest unter einem hundertfach überlieferten Augustinus Text gefunden worden.[16] Lasst uns aber langsam ins Skriptorium gehen, da können wir auch nachfragen, wie man einen Text über einen Text schreiben kann.“

Ubertin der Skriptor war gerade damit beschäftigt, die Schreibutensilien zu überprüfen, als die drei Mönche ins Skriptorium eintraten.

“Salve Brüder. Vielen Dank nochmals von mir für die Farbe und die Malfedern, welche wir bei Eurem letzten Besuch bekommen haben. Was kann ich für Euch tun?“

“Salve Ubertin. Nicht der Rede wert! Heute kommen wir mit Fragen über den Schreibprozess mit Pergament zu Euch. Wir würden gerne mehr auf Papyrus verzichten und die “nördliche“ Pergamentarbeitsweise lernen. Wir kommen bereits von Morten, dem Pergamenter, der uns die Pergamentherstellung gezeigt hat. Jetzt würden wir gerne wissen, wie Ihr damit weiterarbeitet.“

“Gerne, gerne. Nachdem das Pergament hier ankommt, wird es mit einem Bimsstein bearbeitet. Wir verwenden unterschiedliche Materialien zur besseren Beschreibbarkeit wie kalziumhaltige Pasten, Mehl, Eiweiß, Milch, Pflanzenasche, Kalk, Kreide auch, um die Weißheit der Oberfläche zu erhöhen und Flecken zu entfernen oder das Pergament auch einfach zu versiegeln.[17] Dann wird das Pergament je nach Zweck zugeschnitten. Zum Schreiben von schwarzer Tinte benutzen wir meist Eisengallustinte. Diese besteht aus: Eisenvitriol, Galläpfel, Wasser und Obstbaumgummi. Dafür werden Galläpfel getrocknet, gemahlen, zerkocht, dann Eisenvitriol und Pflanzengummi hinzugefügt. Das Pigment entsteht dann erst nach dem Schreiben, denn das chemisch zweiwertige Eisen des Vitriols verbindet sich an der Luft mit der Gallussäure zu einem tiefschwarzen Pigment. Da dieser Prozess etwa einen Tag dauerte, setzte man als Stilmittel einen später verblassenden Farbstoff hinzu.[18] Aber wir arbeiten hier auch sehr viel mit Farbe wie ihr seht. Bis auf Rot- und Brauntöne lassen wir uns allerdings die Farbpasten zum Anrühren hauptsächlich importieren. Also ihr wisst jetzt, wie man Pergament bearbeitet und Tinte herstellt … was könnte ich Euch noch erzählen? Ah, ja genau, Palimpseste verwenden wir hier nicht zur Buchmalerei, was wir hier hauptsächlich machen. Aber wir schreiben hier in Echternach natürlich auch. Wenn wir hier im Skriptorium neue Bücher schreiben wollen und gerade kein frisches Pergament haben, dann kratzt man mit einem Messer oder mit einem Bimsstein die Buchstaben einfach von einem Pergament ab, auf das man verzichten kann. Hat man ein gutes Pergament und wurde gute Tinte benutzt, dann ist es kaum zu erkennen, dass dort jemals etwas anderes stand. Das geht aber eigentlich auch nur mit Pergament aus Kalbs- oder Rindhaut. Ziege, Schaf und ihre Jungtierhäute sind nicht zur Wiederverwendbarkeit geeignet, sie rauen beim Abkratzen komplett auf. Deshalb benutzen wir sie auch für Urkunden. Buchdeckel sammeln wir hier auch, um sie erneut zu verwenden. Ich kann euch auch noch die Spezialfälle erklären, wie man an der Tinte sieht, was mit dem Pergament falsch gelaufen ist, würde Euch das interessieren?“

“In knapper Ausführung auf jeden Fall. Wir wollen noch zu den Ställen, da wir erfahren möchten, wie viel Tiere man für die Schriften einplanen muss. Das ist wesentlich für die Entscheidung in unserer Abtei.“

“Klar. Dazu kann ich ja auch gleich ein paar Vergleichswerte geben, die ich so im Kopf habe. Also, ihr braucht hochwertige Tinte und hochwertiges Schreibmaterial, das ist ganz wesentlich. Was das Pergament betrifft, beobachtet ihr Verlaufen oder Fließen. Hilft Kreide oder Mehlen nicht, dann müsst ihr die Epidermis noch mehr mit einem Bimsstein abschleifen. Achtet dafür auf die Unterschiede zwischen Fleisch- und Fellseite. In dem Fall war die Haut zu fettig. Es gibt aber gerade bei Kalbshaut den gegensätzlichen Effekt, dass die Haut zu stark aufgeraut ist und ihr Fett fehlt. In dem Fall hilft nur das Nachfetten. Hilft das nicht, dann muss sie erst wieder befeuchtet und dann gefettet werden. Sollte euch die Tinte zwischen den Konturen der Buchstaben aufplatzen, wisst ihr, dass das Pergament zu fettig und rau ist. Dafür braucht ihr dann eine weniger nachgiebige Feder. Bedeutet: kürzerer Spalt und breiterer Schnabel, oder ihr versetzt die Tinte mit Ochsengalle. Kalb könnt ihr beidseitig schleifen. Zicklein nur auf der Haarseite und beim Lamm lasst es einfach. So weit, so grob. Deshalb achtet einfach auf eine gute Produktionsweise der Pergamente. Echte Meister darin sind die aus Troyes. Im Durchschnitt kann man sagen: Eine, maximal zwei Doppelseiten ist ungefähr eine Haut. Formate variieren natürlich stark, auf eine Kalbshaut passt mehr als auf eine Lammhaut. Aber zu den Vergleichswerten von notwendigen Pergamenten für Handschriften: Aus dem 4. Jahrhundert gibt es den “Codex Sinaiticus“ von 326 Doppelseiten, welcher dafür über 700 Ziegen benötigte. Das Evangeliar von Heinrich dem Löwen umfasst 266 Blätter, dafür mussten rund 60 Kälber ihr Leben lassen.[19] Große Bibeln im Format von 50×38 cm mit ca. 400 Blättern, benötigen 600 Häute.[20]

Wollt ihr noch etwas über Kalligrafie oder Buchmalerei erfahren, muss ich Euch an die jeweiligen Brüder verweisen.“

“Vielleicht ein anderes Mal. Wir würden gerne in den Stall gehen, wenn das möglich ist.“

“Wenn ihr meint.“

Unterwegs zu den Ställen treffen die drei Mönche Georg, den Gerber.

“Salve Georg. Wir grüßen Sie herzlich von Morten. Wir haben ihm heute Morgen beim Pergamentherstellen zuschauen dürfen. Sagen Sie, was ist denn der wesentliche Unterschied zur Herstellung von Leder, weshalb arbeitet ihr nicht zusammen in einem Raum? Viele Utensilien nehme ich an benötigt ihr beide gemeinsam, oder?“

“Hallo zusammen. Ich habe ihn bereits getroffen, er erzählte schon, dass wir hohen Besuch aus Montecassino haben. Eure Fragen will ich euch gerne beantworten, geht ihr währenddessen mit mir zu den Ställen? Es gibt einen speziellen Auftrag und dafür möchte ich mir schon einmal ein Tier aussuchen.“

“Großartig! Liebend gern.“

“Wir haben die Prozesse getrennt, weil wir wirklich weißes Pergament wollen. Kommen da die Tannine vom Gerben hinzu, ist es nicht das, was gerade gefragt ist. Lange wurde natürlich auch auf Leder geschrieben. Aber klar, bis auf das extra Becken mit Tanninen ist der Prozess relativ ähnlich. Nur die Lösung muss ich auch erst einmal aus Blättern, Rinden, Hölzern und Früchten herstellen. Ich stelle auch Lederwaren mit Fell her und kratze sie gar nicht ab. Ich arbeite auch mit Schweinehäute und spalte Häute. Heißt, ich habe auch einfach etwas mehr Platzbedarf. [21] So, derzeit haben wir hier 20 Kühe. Wir müssen keine Tiere mehr vor dem Winter schlachten, weil wir Land für die Heugewinnung geschenkt bekommen haben. Wir schlachten Tiere nur, wenn wir einen Auftrag für ein Buch bekommen.“[22] Die drei Mönche und der Laienmönch Gregor schauen sich noch eine Weile in den Stellen um. Es ist spät geworden und die drei verabschieden sich von Gregor dem Gerber.

“Wollt ihr noch wissen, wie das Pergament zu seinem Namen gekommen ist? Plinus erzählt: Einst befanden sich Ägypten und Griechenland im Wettlauf um die größte Bibliothek der Welt. Die Bibliothek in Pergamon wuchs schneller als die in Alexandria, weshalb Ptolemäus Epiphanes, der Herrscher von Alexandria, einen Einführungsstopp von Papyrus nach Griechenland verhängte. Daraufhin ordnet Eumenes von Pergamon an, Häute für die Herstellung von Schriften zu benutzen. Der Beschreibstoff hieß von da an: Pergament. Pergament selber ist aber um einiges älter.[23]

Letzter Aufruf aller Webseiten am 21.04.2021


[1] https://scribes.lochac.sca.org/articles/parchment.htm

[2] http://pergament-donath.de/de/geschichte-der-pergamentherstellung.html

[3] https://www.papsturkunden.de/EditMOM/papal-charters.do#:~:text=Pergament%20als%20Beschreibstoff%20wurde%20erst,Papstes%20ausschlie%C3%9Flich%20auf%20Pergament%20festgehalten.

[4] https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/24130/1/%5B9783110371291%20-%20Materiale%20Textkulturen%5D%20Pergament.pdf

[5] http://dawnepismo.ank.gov.pl/de/die-schreibschrift-fruher/die-kunst-des-schreibens

[6] http://pergament-donath.de/de/geschichte-der-pergamentherstellung.html

[7]https://www.google.de/books/edition/Pal%C3%A4ographie_und_Handschriftenkunde_f%C3%BC/x3rnBQAAQBAJ?hl=de&gbpv=1&dq=wo+wurde+pergament+hergestellt&pg=PA108&printsec=frontcover

[8] https://www.sefaria.org/sheets/141477?lang=bi

[9] http://www.xn--schffel-7wa.ch/download/pdf/pergament.pdf

[10] ebd.

[11] ebd.

[12] https://www.kalligraphie.com/415-0-Pergament.html

[13] Von Anonym – Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, Band 1. Nürnberg 1426–1549. Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317.2°, via http://www.nuernberger-hausbuecher.de/, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13131505

[14] http://digital.bib-bvb.de/view/bvbmets/viewer.0.6.4.jsp?folder_id=0&dvs=1618926258517~506&pid=7877598&locale=de&usePid1=true&usePid2=true

[15] http://www.xn--schffel-7wa.ch/download/pdf/pergament.pdf

[16] https://www.adfontes.uzh.ch/tutorium/handschriften-beschreiben/charakterisierung-des-beschreibstoffes/pergament-herstellung

[17] http://pergament-donath.de/de/geschichte-der-pergamentherstellung.html

[18] ebd.

[19] http://www.brandenburg1260.de/wiederkaeuer.html

[20]https://books.google.de/books?id=a6a_bZH7eekC&pg=PA32&lpg=PA32&dq=echternach+pergamentherstellung&source=bl&ots=pqmgJJb1D5&sig=ACfU3U2cqd-G1NfNYg9Ill5G2ExRdV-sQA&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwiYl-PzpYrwAhVJsaQKHWEnBpgQ6AEwA3oECBAQAw#v=onepage&q=echternach%20pergamentherstellung&f=false

[21] https://www.chemie-schule.de/KnowHow/Gerberei

[22] https://www.mdpi.com/1424-2818/6/4/705/htm

[23] http://pergament-donath.de/de/geschichte-der-pergamentherstellung.html